Reparaturberichte (11)
Bericht 30: Grundig 3090/56
Bericht 31: AEG 3084 WD
Bericht 32: Telefunken Concertino 9
Bericht 30: Grundig 3090/56
Mit dem 3090/56 hat Grundig einen ungewöhnlichen Aufbau gewählt. Das ist optisch eins der Radios, die findet man toll - oder häßlich. Mit den Maßen B: 68 cm, H: 36 cm, T: 33 cm, wirkt das Gerät auf den ersten Blick ziemlich gedrungen. Dazu ein eher schmaler Lautsprecherbereich, dafür eine riesige Senderskala.
Der ungewöhnliche Aufbau setzt sich im inneren fort. Gesamt vier Lautsprecher, wovon je ein Elektrostat an jeder Gehäuseseite angebracht ist. Die Hauptlautsprecher zeigen hier aber nicht, wie sonst üblich, nach vorne. Sie strahlen leicht geneigt nach oben ab. Eine Schallführung unterstützt die Abstrahlung nach vorne. Auf Foto zwei sind die Lautsprecher schon ausgebaut und oben schön das Dreieck zur Schallführung zu erkennen. Ein sehr interessanter Ansatz. Ich war gespannt wie es am Ende klingt.
Die beiden oberen Lautsprecher sind auf eine separate Holzplatte montiert. Diese wird über Führungshölzer links und rechts einfach rein bzw. raus geschoben. Eingebaut wird die Platte mit vier Holzschrauben ans Gehäuse fixiert.
Jetzt gibt es hier direkt zwei Gründe die Lautsprecher auszubauen. Grundigtypisch ist die alte Schaumstoffdämmung nur noch Zierde, dämmen tut sie nichts mehr. Und wenn man das Chassis ausbauen möchte, müssen erst die Lautsprecher raus. Die Senderskala passt nämlich nicht darunter her.
Und da wir ohnehin gerade bei der Beschallung sind, es gab von vorneherein einen klaren Kundenwunsch - Elektrostaten raus und echte Lautsprecher rein. Eieiei, das wird 'ne enge Geschichte.
Aber nun gut, der riesen Klanggenuss sind die Elektrostaten selten und sehr oft ohnehin defekt. Wobei man immer wieder sagen muß, im Gesamtton haben sie funktionierend eindeutig immer einen hörbaren Effekt.
Meine Wahl fiel auf zeitgemäße Mittel/Hochtöner von Isophon. Die Zuleitungen zu den Elektrostaten wurden komplett entfernt. Die Anbindung der neuen Hochtöner erfolgt über je einen der Hauptlautsprecher mit einem 4,7uF bipolarem Elko als Frequenzweiche. Ich habe mir angewöhnt, den richtigen Wert immer "auszuhören". Hier:
- 2uF: sehr leise, nur noch absolute Höhen hörbar.
- 10uF: zu viel Bass, kein schönes Klangbild
- 4,7uF: Sehr ausgewogen und trotzdem eindeutig stark in den Höhen. Klingt sehr stimmig und rund.
Zum Ermitteln wird der ganze Rummel nur provisorisch angeschlossen. Die neuen Zuleitungen zu den Hochtönern werden vorab abgelängt und angelötet.
Allerdings müssen die neuen Hochtöner noch mal ausgebaut werden. Denn so bekommt man das Chassis nicht mehr rein. Das ganze gelingt nur in einer bestimmten Reihenfolge.
- Alle Lautsprecher sind ausgebaut. Dann zunächst das Chassis einbauen.
- Dann die seitlichen Lautsprecher einbauen. Zum Festschrauben kommt man kaum hin, aber es geht gerade so (vorsichtig und nicht zu tief vorbohren empfohlen).
- Zuletzt dann die Einheit mit den Hauptlautsprechern einbauen und festschrauben.
Jetzt erst können die neuen Hochtöner samt Elkos angeschlossen werden.
Guter Rat: Die neue Zuleitung des rechten Hochtöners z.B. wie auf dem Foto zu sehen am Hauptlautsprecher fixieren. Denn sonst liegt/hängt die Leitung gefährlich nah im Bereich der sehr heiß werdenden EL84.
Der Rest ist eigentlich schnell erzählt. Die üblichen Problemkondensatoren wurden ausgewechselt.....
....ein neuer Gleichrichter samt Vorwiderstand war auch nötig....
....alles wurde gründlich gereinigt....
....und zum Schluß gab es noch ein wunderschönes, neues, magisches Auge EM34 in NOS.
Bei TA und TB Betrieb schaltet das magische Auge übrigens ab. Was hier sehr von Vorteil ist, denn ein Bluetoothadapter wurde auch noch installiert.
Kurz noch eins zur Reinigung. Tatsächlich recht oft in Grundigradios zu finden, sind sogenannte Whiskers. Das sind Einkristalle, welche aus metallischen Oberflächen herauswachsen. In diesem Radio bildeten sie schon fast ein Kunstwerk. Sie sollten immer gründlich entfernt werden. Was kein Problem darstellt, sie lassen sich einfach wegwischen.
Das fertige Ergebnis: Ein sehr starker Empfänger. Die gemessene Ratiospannung liegt hier beim stärksten Sender bei 42 Volt. Ich war ja Anfangs gespannt wie das Gerät klingt mit der ungewöhnlichen Lautsprecheranordnung. Es klingt fabelhaft. Die neuen Seitenlautsprecher waren zwar nur sehr fummelig und eng einzubauen, passen aber klanglich perfekt.
Und übrigens, ich gehöre zu denen, welchen das Radio auch optisch sehr gut gefällt!
Bericht Ende.
Nachtrag:
Nur wenige Wochen nach der Abholung des Radios erhielt ich vom Kunden die Nachricht: Das Radio spielt einwandfrei, aber das magische Auge reagiert überhaupt nicht mehr. Es hat zwar die volle Leuchtkraft, jedoch sind die Fächer immer ganz geöffnet. Egal wie stark der Sender ist. Der Kunde war so nett, vor Ort eben die zwei 1 Mohm Widerstände erneut zu messen. Beide waren ok. Ebenso waren alle Anschlüsse der Fassung in Ordnung. Meine Vermutung lag nun in einer defekten EM34 selbst. Ich schickte dem Kunden eine neue NOS EM34, welche er dann vor Ort selber tauschte.
Ich wußte in der Theorie das dass vorkommen kann, hatte es in der Praxis jedoch noch nie. Die EM34 an sich hatte tatsächlich einen Defekt.
Was ist in der EM34 passiert?
Die EM34 ist eine Kombinationsröhre. Sie enthält:
1. Das Leuchtsystem (Anzeigeteil): Dieses benötigt nur die Anodenspannung (ca. 250V) und die Heizung. Da die Röhre leuchtet, ist dieser Teil intakt.
2. Das Triodensystem (Steuersystem): Dieses sitzt im unteren Teil der Röhre. Es nimmt die schwache Regelspannung vom Gitter (Pin 1) auf, verstärkt sie und steuert damit intern die Steuerelektroden für das Leuchten. Beim Einschalten des Radios fließt ein sehr hoher Einschaltstromstoß durch den noch kalten Heizfaden. Meine Vermutung war das eventuell folgendes passiert ist:
- Faden-Kathoden-Schluss: Durch die schlagartige thermische Dehnung beim Einschalten hat sich der Heizfaden im Triodenteil leicht verbogen und berührt nun dauerhaft die Kathode. Dadurch liegt das Steuergitter der Triode elektrisch "lahm" – das Auge verliert jegliche Funktion und bleibt starr, obwohl die Leuchtschicht unter Spannung steht.
- Gitterabriss: Alternativ ist durch Erschütterung oder den Stromstoß der hauchdünne Zuleitungsdraht des Steuergitters direkt im Inneren des Röhrenkolbens abgerissen.
Endgültige Klarheit brachte dann die zurück geschickte Röhre. Mein Funke W20 zeigte in Stellung 9 "Fehler". In dieser Stellung wurde ein Schluß zwischen Anode und Steuergitter 1 (g1) festgestellt. Das heißt:
- Gitter-Anoden-Schluss: Das hauchdünne Steuergitter im Triodenteil hat sich stark verbogen oder ist gerissen, dass es nun permanent die Anode des Steuersystems berührt.
- Die Folge im Radio: Durch diese direkte Verbindung wird die negative Regelspannung am Gitter sofort durch die positive Anodenspannung vernichtet. Das Steuersystem blockiert komplett, während die Leuchtschicht (die an einem separaten Anodensystem hängt) weiterhin normal mit Spannung versorgt wird und grün leuchtet.
Wie auch immer, auch dieses Problem wurde kurzfristig behoben. Ich danke Herrn Landwehr sehr für seine Mitarbeit und Unterstützung!
Bericht 31: AEG 3084 WD
AEG Radios tauchen so gut wie nie auf. Zumindest nicht bei mir. Das ist überhaupt erst das zweite und das erste ist Jahre her. Wobei dieses weder optisch noch technisch seinen Verwandten in nichts nach steht.
Baujahr: 1954
Maße: Breite: 66 cm, Höhe: 44 cm, Tiefe: 28 cm,
Gewicht: 17 kg
Damaliger Preis: 489 DM
Für den seinerzeit stattlichen Preis, bekam man allerdings auch etwas geboten. Ausgestattet mit 6 Lautsprechern, davon 2 Elektrostaten, welche hier tatsächlich beide noch einwandfrei funktionieren! Bestückt mit 9 Röhren, wobei 2 x EL84 als Gegentaktendstufe arbeiten und, eher ungewöhnlich, ebenfalls 2 x EF89 als ZF (Zwischenfrequenz-Verstärker). Das klingt vielversprechend! Aber, wie so oft, gab es ganz am Ende noch ein sehr störendes und gut getrantes Problem. Dazu später mehr.
Aber beginnen wir mit der ersten Sichtkontrolle. Nach Abnehmen der Bodenplatte war sofort klar, hier wurde schon einmal repariert. Die Koppelkondensatoren sowie die Kathodenelkos wurden bereits mal ersetzt. Um auf den gewünschten Wert von 0,025uF zu kommen, wurden hier zwei 0,0115uF Kondensatoren parallel geschaltet. Alles auch schon ein etwas älteres Baujahr. Zumindest die seinerzeit eingebrachten Kathodenelkos verrieten Ihr Herstellungsdatum - 02/1996. Die Koppelkondensatoren hatte ich geprüft, Kapazität und Isolationswiderstand waren einwandfrei, Spannungsfestigkeit mit 2 kV mehr als ausreichend und ich wollte Sie im Gerät belassen. Bei dem am Ende auftauchenden Problem tauschte ich sie dennoch aus. Wie sich herausstellte waren sie aber unschuldig. Ich komme noch darauf zurück. Auch wenn die Kathodenelkos "erst" 30 Jahre alt waren, diese werden in jedem Fall gegen neue ersetzt.
Die erste Sichtprüfung nach Abnehmen der Rückwand: Der alte Säulenselengleichrichter existierte nicht mehr. Er wurde ersetzt durch einen Siliziumgleichrichter. Und, ich muß sagen leider, mal wieder freischwebend ohne jegliche Befestigung und auch mal wieder ohne Vorwiderstand. Anders ausgedrückt: > 300 Volt schwingen irgendwo lose über dem Chassis und dank des fehlenden Widerstandes wurde das Radio über Jahre mit viel zu hoher Betriebsspannung von 325 Volt versorgt. Was vielleicht auch mit ein Grund war, das fast alle Röhren verbraucht waren.
Der Trafowahlschalter stand auf 220 Volt. Nach erneuern einiger Teile, dem Einbringen eines neuen Siliziumgleichrichters und der Umstellung auf 240 Volt, lag die Betriebsspannung am ersten Elko immer noch bei 291 Volt, soll 280 Volt. Am zweiten Elko lagen 265 Volt an, soll 245 Volt. Hier wie immer ausgehend von 230 Volt Netzspannung. Nun wären die 291 Volt nicht dramatisch. Die 265 Volt sind für die Vorstufen und Schirmgitter für meinen Geschmack dann aber doch etwas hoch. Und ich stelle fest, zumindest bei mir zu Hause, das die Netzspannung inzwischen ziemlich oft auch mal bei 233, 235, 237 Volt liegt. Vor einigen Jahren waren 224 bis 230 Volt normal. In Anbetracht dessen, habe ich dann doch noch einen Vorwiderstand mit 100 Ohm/25 Watt eingebaut. Spannungen nach vollständiger Instandsetzung nun: Erster Elko: 273 Volt, Zweiter Elko: 248 Volt. Jetzt war ich zufrieden!
Auch gerne dabei - ein Becherelko mit Auslaufspuren. Auch dieser wurde vor einem ersten Probestart ersetzt. Wenn es technisch möglich und sicher ist, lasse ich den Originalbecher gerne auch stillgelegt im Radio. Hier war es traumhaft umsetzbar unterhalb zwei neue 50uF / 450 Volt Elko einzubringen. Die Plus Anschlüsse konnten ohne jegliche Verlängerung an die Original Anschlußpunkte des alten Bechers gelötet werden. Gleiches galt für den Masseanschluß. Das alleine fixiert die Elkos schon recht gut. Trotzdem gab es noch eine extra Befestigung.
Ansonsten gab es noch jede Menge weiterer Austauschteile.
So weit, so gut. Alle erforderlichen Teile waren gewechselt, ebenso jede Menge verbrauchter Röhren ersetzt. Zeit für den ersten Probelauf mit den radioeigenen Gehäuselautsprechern. Was folgte war ein leidvoller Klassiker. Ein deutliches Brummen war aus den Lautsprechern zu hören. Und zwar so deutlich, das man es auch in drei metern Entfernung und schon hörbarem Radiosender noch hören konnte. Nicht nur sehr störend, sondern auch völlig inakzeptabel.
Nun war ich aber zunächst guter Dinge. Denn eins war mir schon früh aufgefallen, jedoch noch nicht erledigt. Es gab zwei, bereits schon ein mal gewechselte, Widerstände an den EL84. Der vorgeschriebene Wert : 300 Ohm. Nun war auffällig - die Widerstände trugen unterschiedliche Farbringmarkierungen. Also auch unterschiedliche Werte. Den Markierungen nach war einer ein 300 Ohm und einer ein 330 Ohm Widerstand. Gemessen habe ich beide mit 330 Ohm. Also alles irgendwie ein wenig unberechenbar unter Betriebsbedingungen.
Bei diesem Gerät liegen die beiden 300 Ohm Widerstände direkt an Pin 9 der beiden EL84-Röhren. Pin 9 ist bei der EL84 das Schirmgitter (g₂). Die Widerstände dienen hier als Schutz- und Entkopplungswiderstände für die Schirmgitterversorgung. Sie liegen parallel zu den jeweiligen Elkos (100 µF) gegen Masse. Abweichungen dieser Widerstände vom Sollwert, können folgende Auswirkungen haben:
Einseitige Abweichung (Asymmetrie)
1. Wenn einer der beiden Widerstände hochohmiger wird als der andere (z. B. durch Alterung) = Verschiebung des Arbeitspunkts: Das Schirmgitter bestimmt maßgeblich den Elektronenfluss in der Röhre. Eine ungleiche Schirmgitterspannung führt dazu, dass die beiden EL84 im Ruhezustand ungleiche Ströme ziehen.
2. Kernsättigung und Verzerrung: Durch die ungleichen Ströme in den beiden Hälften des Ausgangsübertragers heben sich die Magnetfelder nicht mehr perfekt auf. Der Trafokern gerät in die Sättigung, was zu einem Verlust an Bässen und Verzerrungen (Klirrfaktor steigt) führen kann.
3. Brummeffekt: Das verbleibende Netzbrummen der Anodenspannung kann im Ausgangsübertrager nicht mehr ausgelöscht werden. Das Radio entwickelt ein permanentes Hintergrundbrummen.
Alles schrie danach das hier die Brummursache lag. Also habe je zwei 150 Ohm Widerstände ausgemessen, diese in Reihe geschaltet um auf identische Werte zu kommen. Gemessen letztendlich dann mit 2 x 297 Ohm. Diese wurden dann entsprechend eingebracht.
Das hört sich doch nach einer super Fehleranalyse, Vorgehensweise mit vorbildlicher Fehlerbehebung an, oder? Tja, geschadet hat es sicher nicht die alten Widerstände zu ersetzen, nur hatte sich am Brummen gar nichts geändert! Theorie und Praxis halt....
Dann waren jetzt halt die bereits anfangs erwähnten Koppelkondensatoren dran. Ausgetauscht - und es brummt munter weiter.
Nun war es so, das dass Brummen unverändert auch auf TA vorhanden war. Das ist erst mal gut, denn so ist das halbe Radio schon mal raus aus der Fehlersuche. Ursächlich ist irgendetwas im NF Teil. Also zunächst mal auf ans Spannungen messen. Ich begann ganz am Ende, mit einer der EL84. Und kaum zu glauben - hier wurde ich direkt fündig. Auffällig war die Heizspannung von nur 5,7 Volt. Weitere Messungen an anderen Röhren ergaben überall sonst 6,1 Volt (bedingt durch die 240 Volt Trafoeinstellung). Ursache für nur 5,7 Volt war schlicht eine schlechte Masseverbindung. Kurz eine fliegende Leitung vom Masseanschluß Heizung zum Chassis - 6,1 Volt liegen an. Und das Brummen wurde leiser, aber immer noch störend. Kurzerhand wurden alle Anschlüsse der Röhrenfassung der EL84 nachgelötet. Keine Änderung.
Das Tückische: Die Röhrenfassung ist mit dem Chassis vernietet und war bombenfest. Und trotzdem war die Masseverbindung zum Chassis schlecht. Ich entschied eine neue Masseverbindung zu schaffen. Günstigerweise war der Massepunkt der Schirmgitterwiderstände sehr nahe. Und dieser Anschlußpunkt erschien mir günstig um nicht durch die neue Masseverbindung eine neue Brummschleife zu bekommen. Also, eine neue Masseverbindung von der unteren Abschirmhülse der EL84, weiter durch den Masseanschluß der Röhrenheizung zum oben erwähnten Massepunkt gelegt.
Und nun - Erfolg! Das Brummen war vollständig verschwunden.
Zum Schluß wurde dann noch ein Bluetoothadapter installiert. Der folgende Probelauf verlief ohne weitere Vorkommnisse. Ein Radio mit sehr gutem Empfang und ausgezeichnetem Klang.
Bericht Ende.
Bericht 32: Telefunken Concertino 9
Bei diesem Radio handelte es sich eigentlich um eine reine Standardinstandsetzung. Viel Schmutz, die üblichen Austauschteile, ein gebrochener Antennenanschluß - was halt mehr oder weniger immer so anliegt. Der 2 x 50uF Becherelko wird meist gegen einen neuen Becher ersetzt. Hier war dies leider nicht möglich. Im original war hier ein Becher mit Schränklaschen verbaut. Ersatz gibt es aber heute ausschließlich nur noch als Schraubbecher. Die Durchführungsöffnung im Chassis muß bei Wechsel meist etwas aufgeschliffen werden. Dies in diesem Fall zu tun, wäre allerdings sinnnlos gewesen. Denn es gab unterhalb des Chassis keinen Platz für die Haltemutter. Daher wurde der Ersatz anders gelöst. Der originale Becher hatte übrigens noch ca. 2 x 7uF.
Aber leider fehlte der rechte Seitenlautsprecher. Und diesen zu ersetzen war mit etwas Bastelei verbunden und ein paar technische Dinge gab es da auch zu beachten. Also wird es schwerpunktmäßig hier um den passenden Lautsprecherersatz gehen.
Wie so oft, hat auch dieses Radio eine ganz eigene Geschichte. Ursprünglich war dieses ein Schulradio. Zu mir brachte das Radio der wirklich sehr sympatische Jan. Der hat es vom Großvater übernommen, der es wiederum vor Jahrzehnten für 5,- DM auf einem Flohmarkt erstanden hat. Und Jan's Vater wiederum hat dieses Radio zu seiner Schulzeit noch live als Schulradio erlebt.
Also, so wie ich ich das sehe, wollte dieses Radio unbedingt in diese Familie😉!
Ein paar Eckdaten:
- Baujahr 1958 / 1959
- 4 Lautsprecher
- LW / MW / KW / UKW
- Bandbreite schaltbar, Kurzwellenlupe, drehbare Ferritantenne
- Mögliche Netzspannungswahl:110, 125, 150, 220, 240 Volt
- Gewicht: 14 kg
- Originalpreis: 439,- DM
Aber kommen wir zu dem Umstand des fehlenden Seitenlautsprechers. Die seitlichen Lautsprecher werden als Hoch- oder Mittelton-Ergänzung genutzt, um den typischen „3D-Raumklang“ zu erzeugen.
Beim Concertino 9 sind beide Seitenlautsprecher auf eine separate Trägerplatte genietet. Die Trägerplatten selbst schließlich ans Gehäuse geschraubt. Nun fehlte der Lautsprecher mit besagter Trägerplatte. Die Zuleitungen waren kurzerhand einfach abgeschnitten worden.
Trotz langem Suchen, fand ich keinen baugleichen Ersatzlautsprecher. Einen ähnlichen.....klingen dann beide Seiten gleich? Klanglich, Lautstärke? Vermutlich nicht. Also, nach Rücksprache mit Jan, wurden beide Seiten ersetzt. Womit wir bei der Frage sind - was ist guter Ersatz? Sicher, solche bzw. gut geeignete Lautsprecher aus Schlachtgeräten gibt es reichlich. Nur wollen die Verkäufer sich diese in der Regel vergolden lassen. Und hier ist das nicht nötig. Es gibt, aus technischer Sicht, sehr guten Ersatz fabrikneu zu guten Preisen. Ein paar Dinge sollte man jedoch beachten. Einfach "irgendeinen" Lautsprecher kann im Ergebnis dann ziemlich enttäuschend sein. Also gehen wir mal etwas ins Detail.
Zunächst müssen grundsätzliche Dinge beachtet werden.
1. Die richtige Impendanz wählen.
Meist beträgt die Impendanz bei Röhrenradios 4 bis 8 Ohm. Leichte Abweichung nach unten und oben sind möglich. Achtung bei Radios mit eisenloser Endstufe (z.B. Philips). Hier ist die Impendanz meist 800 Ohm! Dies ist durch die eisenlose Endstufe technisch bedingt. Hier darf kein "normaler" Lautsprecher eingesetzt werden! Oft steht der Wert auf der Rückwand des Radios, ansonsten ermitteln. Mit einer einfachen Gleichstrom-Widerstandsmessung (mittels eines herkömmlichen Multimeters im Ohm-Bereich) lässt sich die Impedanz eines Lautsprechers jedoch nicht exakt ermitteln.
1a. Gleichstrom vs. Wechselstrom:
Ein Multimeter misst den rein ohmschen Gleichstromwiderstand der Schwingspule mit einer Gleichspannung. Die Impedanz ist jedoch ein komplexer, frequenzabhängiger Wechselstromwiderstand, der sich aus dem Gleichstromwiderstand, induktiven Anteilen und mechanischen Resonanzen zusammensetzt. Der Messwert ist dadurch zu niedrig. Der mit dem Multimeter gemessene Widerstand liegt fast immer ca. 15 bis 25 % unter der angegebenen Nennimpedanz. Ein 8-Ohm-Lautsprecher zeigt auf dem Multimeter beispielsweise oft nur etwa 5,7 bis 6,5 Ohm an. Ein 4-Ohm-Lautsprecher liegt meist bei ca. 3,1bis 3,6 Ohm. Aber dennoch reicht das aus, um zu wissen in welchem Bereich man sich befindet.
2. Mechanische Passung prüfen.
- Durchmesser des Lautsprechers.
- Gesamtmaß inkl. Lautsprecherchassis.
- Passen die Schraublöcher.
- Tiefe des Lautsprechers. Manchmal kann recht wenig Platz vorhanden ein, wenn das Radiochssis eingebaut ist.
Beim Anlöten penibel auf die Polung (+ und -) achten. Wenn die Lautsprecher gegeneinander verpolt werden, löscht sich der Schall teilweise aus, und der Raumklangeffekt geht völlig verloren.
4. Die richtige Membran wählen
Ein äußerst wichtigstes Kriterium ist das Material der Membran. Bei Röhrenradios der 50er und 60er Jahre besteht die Membran in der Regel aus Papier. Ausgenommen die Elektrostaten. Hier wird oft eine metallbedampfte Folie verwendet.
- Achtung beim Austausch von Elektrostaten gegen Breitbandlautsprecher: Niemals !! die Anschlußleitungen der Elektrostaten verwenden! Hier liegen ca. 200 Volt an! Ein normaler Lautsprecher wäre dann sofort zerstört! Diese müssen an anderen Anschlußpunkten neu angeschlossen werden!
In den 20er bis 40er Jahren wurde auch mit anderen Materialien wie z.B. Aluminium, Bakelit, Gewebe- und Stoffmembranen experimentiert.
Bleiben wir aber beim Concertino. Hier ist es eben eine Papiermembran. Aus diesem Grund fiel meine Wahl auf einen VISATON R 10 S. Dieser ist inkl. aller Kriterien hier perfekt geeignet.
Um zu verstehen, warum eine Papiermembran für das Telefunken Concertino 9 von so fundamentaler Bedeutung ist, muss man moderne Membranmaterialien mit der Funktionsweise alter Röhrenradios vergleichen.
Der Unterschied zu anderen modernen Membranen:
Moderne Lautsprecherchassis setzen heute meist auf völlig andere Materialien, die jeweils für moderne Transistorverstärker optimiert sind: Kunststoffe (z.B. Polypropylen): Sehr reißfest und witterungsbeständig. Sie dämpfen Schwingungen gut ab, sind im Vergleich zu Papier aber deutlich schwerer. Metalle (z.B. Aluminium, Titan): Extrem steif. Sie übertragen Impulse sehr präzise, neigen aber bei höheren Frequenzen zu steilen Resonanzen („Aufbrechen“ der Membran), was ohne komplexe Frequenzweichen schrill klingen kann.
- Verbundstoffe (z.B. Kevlar, Carbon, Glasfaser): Verbinden extreme Steifigkeit mit Leichtigkeit, sind aber akustisch „hart“ und verzeihen keine unsauberen Signale.
Dass Röhrenradios der 1950er-Jahre so warm, räumlich und angenehm klingen, liegt an der präzise aufeinander abgestimmten Kombination aus Röhrenendstufe, Holzgehäuse und - Papiermembranen. Der Einsatz eines Papierlautsprechers ist hier aus drei Gründen entscheidend:
1. Extrem geringes Gewicht (Der Wirkungsgrad-Faktor):
Die Endstufe des Telefunken Concertino 9 liefert schätzungsweise nur ca. 5,5 Watt Musikleistung. Eine moderne, schwere Kunststoff- oder Kevlarmembran benötigt viel elektrische Energie, um überhaupt in Schwingung versetzt zu werden. An einem Röhrenradio bliebe ein solcher Lautsprecher extrem leise und kraftlos.
- Die Papiermembran des Visaton R 10 S ist federleicht. Sie reagiert sofort auf minimalste Stromimpulse. Das sorgt für den historisch korrekten, hohen Wirkungsgrad (90 dB), damit das Radio auch bei geringer Lautstärke voll und dynamisch klingt.
2 Integrierte akustische Dämpfung (Das "Zischeln" verhindern):
Papier besitzt eine ungeordnete Faserstruktur (Zellulose). Diese Struktur hat eine hervorragende innere Dämpfung. Wenn der Lautsprecher hohe Töne wiedergibt, entstehen unweigerlich Partialschwingungen (die Membran verbiegt sich in sich selbst). Harte Materialien wie Aluminium würden nun anfangen zu „zischeln“ oder scharf zu klingen.
- Papier schluckt diese feinen Störschwingungen quasi in seiner Faserstruktur. Das Klangbild bleibt dadurch seidig, weich und langzeittauglich – genau der Klang, den man von einem Röhrengerät erwartet.
3. Offene Gehäusekonstruktion:
Das Gehäuse des Concertino 9 (wie bei fast alle Röhrenradios) ist nach hinten durch eine perforierte Rückwand akustisch offen. Der Lautsprecher arbeitet nicht in einem luftdichten Kasten. Moderne Chassis mit dicken Gummisicken benötigen den Gegendruck eines geschlossenen Gehäuses, um kontrolliert zu schwingen.
- Der Visaton Breitbänder ist mit seiner integrierten Papier-Faltsicke stramm genug eingespannt, um genau in solchen offenen Gehäusen perfekt und sauber aufzuspielen.
Würde man einen Lautsprecher mit einer modernen Kunststoff- oder Metallmembran als Seitenlautsprecher einsetzen, würde das Radio sehr wahrscheinlich matt, leise und im Hochtonbereich unnatürlich oder "topfig" klingen. Die Papiermembran des R 10 S garantiert, dass die akustische Erwartung des Telefunken-Klassikers vollständig erhalten bleibt.
Jetzt aber endlich auf ans Basteln und einbauen! Beginnen wir mit der Trägerplatte. Der noch vorhandene original Lautsprecher diente als Maßvorlage.
Damit man auch etwas hört, wären entsprechende Löcher von Vorteil.
Dann können die Lautsprecher schon auf die Trägerplatte montiert werden.
Ich war sehr gespannt. Also sofort eingebaut, provisorisch angeschlossen und Probelauf.
Ja ja, ich weiß, nagelneue Lautsprecher in einem Röhrenradio.... der baut am Ende auch noch Transistoren ein.... 😉
Aber das Ergebnis ist hervorragend! Klanglich absolut top!
Wie anfangs erwähnt, wurde die Zuleitung einfach abgeschnitten. Telefunken hat die Zuleitungen zu allen Lautsprechern noch mit einem Stück Spiralwicklung versehen. Und genau diese wurde mit abgeschnitten. Um zumindest das wieder originalgetreu nachzustellen, wurde eine neue Leitung entsprechend gestaltet. Technisch zwar nicht relevant, aber das Auge ißt ja schließlich mit, wie man sagt.
Alles wieder eingebaut und angeschlossen, präsentiert sich ein hervorragend klingendes Radio mit sehr gutem und reichhaltigem Empfang. Ach ja, der Bluetoothadapter wurde auch installiert.
Und als kleine Besonderheit, schickte mir Jan noch eine mail samt Foto des Radios an seinem heimischen Platz. Wie er mir schrieb, hat er sowie auch sein Vater mächtig Spaß an der geglückten Wiederbelebung des alten Schulradios!
Und genau so soll es sein!
Bericht Ende.
























































