Reparaturberichte (10)

Reparaturbericht 27: Philips Capella 753/4E/3D

Reparaturbericht 28: Braun RC81-C (TS 3-81)

Reparaturbericht 29: Sonata Giebichenstein


Bericht 27: Philips Capella 753/4E/3D

Da es ja schon eine Gerätevorstellung dieses Modells auf meiner Seite gibt, werde ich hier nicht erneut alle Besonderheiten des Radios ausführlich beschreiben. Nur das, was im Laufe der Instandsetzung auffällig war. Und diese Diva hat sich wirklich gewehrt. Ich kann's ja verstehen, nach einigen Jahrzehnten in Rente würde ich auch nicht wieder in Vollzeit arbeiten wollen. Mein Kunde vermutet, das dass Radio ca. 1970 zuletzt gelaufen hat. Danach ca. 20 Jahre eingemottet in einem Heizungskeller um dann weitere ca. 20 Jahre als Dekoobjekt in einem Arbeitszimmer zu stehen. Ein kurzer Einschaltversuch in den 90ern kann nicht ganz ausgeschlossen werden.

Seit jeher in Familienbesitz (gekauft von der Oma), wollte mein Kunde es nun wieder alltagstauglich machen lassen. Und wenn es ein Radio gibt bei dem es sich lohnt, dann das Capella 753. Es ist und bleibt mein Lieblingsradio! Dieses hier verrät sogar sein Herstelldatum. Ein Stempel auf der Abdeckhaube des  UKW Kästchens gibt den 09.09.1955 an. 


Da der große Lautsprecher hier direkt über 2 x 8uF Elkos versorgt wird, sind dies die ersten Teile welche gewechselt werden. Sollten diese altersbedingt durchschlagen, wäre das der sofortige Tot des Hauptlautsprechers. In der ersten Durchsicht wurden noch zwei Wima Kondensatoren entdeckt, welche schon regelrecht aufgesprengt waren. 

Es folgte die Reinigung, Röhrenprüfung und der obligatorische Kondensatortausch. Einer der beiden 2x50uF Becherelkos zeigte bereits Auslaufspuren. Beide wurden direkt mit gewechselt. 8

Auch wenn noch einiges an Arbeit anlag, einem ersten Probelauf stand nichts im Wege. Und es klang sofort sehr gut. Der Empfang war noch nicht optimal. Hier reichte aber ein Nachgleich der Vorkreisspule. Allerdings zeigte der magische Fächer kaum Ausschlag. Und da fiel mir ein, ich habe den Ratioelko bisher weder gesehen, noch gewechselt. Er war gut getarnt in einer gelben Schlauchhülle und -selbstverständich- auch an einer schön unzugänglichen Stelle. Dennoch, Gegenwehr sinnlos, auch der Ratioelko wurde natürlich noch erneuert. Und bekam auch wieder seine gelbe Tarnhülle...

Der magische Fächer funktionierte aber immer noch nicht. Und wieder mal war ein hochohmiger Widerstand die Ursache. Soll; 100 Ohm / / Ist: > 3,6 Megaohm. Getauscht und der Fächer arbeitet wieder vorbildlich.


Die Automatic funktionierte gar nicht, die Motorwelle hing bombenfest. Aber dazu später mehr.

Bestückt war das Radio noch mit dem Originalröhrensatz. Von den vier Endröhren zeigten drei noch sehr gute Werte auf dem Röhrenprüfgerät. Eine der UL84 war ziemlich verbraucht und wurde ersetzt. Leider zeigte diese NOS Röhre nach einer Weile  Störgeräusche in einer Form von Quitschen, Pfeifen, so was in der Art. Also erneuter Tausch. Stunden später gab es wieder Störgeräusche. Diesmal immer nur kurz wie ein scheppern, krachen. Schuld diesmal, die EL84. Jede kleine Erschütterung des Chassies erzeugte Geräusche im Lautsprecher. Ein leichtes Klopfen auf die Röhre, hatte ein deutliches Klirrgeräusch aus dem Lautsprecher zur Folge. Eindeutig ein Mikrophonieproblem. Bei der zweiten EL84 war ich mir diesbezüglich nicht ganz sicher, am Ende wurden beide ausgetauscht. Drei von vier Endröhren mit merkwürdigen Erscheinungen ist schon...merkwürdig. Letztendlich habe ich die zweite UL84 dann vorsorglich auch noch ausgetauscht. Aus der Ecke kam danach auf jeden Fall kein Problem mehr.

Das zeigt allerdings auch, das ein Röhrenprüfgerät zwar ein sehr nützliches Hilsfmittel ist, aber eben auch nicht alles aufdecken kann. An einem ausgiebigen Probelauf führt einfach kein Weg vorbei.


Wie in den meisten Fällen war der Seilzug des Höhenreglers irgendwann mal gerissen. Hier wurde schon mal Hand angelegt. Jedoch wurde nur ein Stück Seil neu angeknotet. Leider so, das der Regler nur zu ca. 70% bewegt werden konnte und damit eben auch die Anzeige. Für den Restweg war jetzt das Seil schlicht zu kurz.

Der scharfe Winkel nach oben ist nicht optimal. Eine kleine, rauhe Stelle in der (Niet)durchführung rauht das Seil auf bis es dann irgendwann reißt. So auch hier. Genau an der Oberseite der Durchführung gab es einen Grat. Dieser war auch nicht vollständig zu  entschärfen. Um den neuen Seilzug also nicht mit jeder Bedienung zu schädigen, half ein kleiner Trick. Das Seil habe ich zusätzlich durch ein Stück Schrumpfschlauch geführt. Den Schlauch selbst durch die Umlenköse gezogen. So läuft das Seil jetzt durch den Schrumpfschlauch, berührungslos zur Niete. Problem gelöst, der neue Seilzug sollte schadlos lange halten. Und da es fast unmöglich ist das Seilende so mit einem Knoten zu versehen, daß auch der Weg der Anzeige exakt stimmt - Trick zwei. Das Seilende wird in passender Position mit einer 1mm Aderendhülse verklemmt. Hinter die Hülse kam dann noch ein Knoten und dieser bekam noch einen Tropfen Sekundenkleber. Da rutscht mal gar nichts mehr. Als neuen Seilzug habe ich übrigens einfach ein Stück Skalenseil verwendet.


Jetzt war es an der Zeit sich um die Senderautomatic zu kümmern. Das besondere Herzstück des ganzen. Ich möchte diesen Punkt daher etwas ausführlicher beschreiben. 

Das Reinigen der Motorwelle samt Lager ist recht mühselig. Aber unvermeidbar. Wenn dieser Teil nicht absolut sauber und leichtgängig ist, wird die Automatic Probleme machen. Ich kann nur dringend empfehlen:

  • Welle, Lager, Kegelrad müssen absolut sauber und leichtgängig sein.
  • Die Bowdenzüge müssen sehr genau eingestellt werden.
  • Auch die übrigen Wellen der diversen Zahnräder, Dreko, etc. müssen leichtgängig sein. Also im Grunde alles was sich mit der Automaticfunktion bewegt.
  • Ich empfehle niemals an den Kontakten der elektrischen Schalteinheit herumzubiegen. Es ist kaum möglich das diese sich verstellt haben. Wenn ein Problem vorliegt, dann höchstwahrscheinlich an anderer Stelle. Auch die mit Sicherungslack versehenen Schrauben sollte man nur lösen, wenn man denn wirklich nicht umhinkommt. Im Zweifelsfall die Feder kontrollieren, welche mit den Kontakten arbeitet. 
  • Überhaupt vorhanden?
  • Sitzt richtig?
  • Arbeitet leicht?

Wichtig für ein sauberes Arbeiten der Schaltkontakte. 

An der Schalteinheit sitzen original zwei Kondensatoren mit 6000pF. Diese können problemlos auch gegen neue mit 5600pF ersetzt werden. Achtung: Spannungsfestigkeit beachten (gilt natürlich auch für alle anderen Austauschteile)!

Die drei ursprünglich für den AM Bereich gedachten Stationstasten, wurden hier umgeändert um auch für UKW nutzbar zu sein. Letztendlich mußten alle sechs Bowdenzüge neu eingestellt = nachgespannt werden. Dies geschieht über eine Sechskantschraube, an jedem Zug eine. Diese sind ebenfalls mit roten Sicherungslack versehen. Hier wird man wahrscheinlich nicht vermeiden können dies für die Einstellung zu ignorieren.

Den jeweiligen Zug soweit spannen, das der Hebel sich noch nicht nach oben bewegt. Optimalerweise stehen dann alle Hebel parallel nebeneinander. Der schwarze Kunststoffblock bei den elektrischen Schaltkontakten darf sich noch nicht bewegen.

Zug zu lose:  Nach betätigen der Festsendertaste läuft der Skalenzeiger zur programmierten Stelle und stoppt dort. Das Sendersuchrad läuft jedoch weiter.

Zug zu stramm: Nach betätigen der Festsendertaste läuft der Skalenzeiger zur programmierten Stelle und stoppt dort. Wenn nun die Festsendertaste gelöst wird (durch drücken der UKW Taste) läuft der Skalenzeiger bis linksanschlag und der Motor dreht unaufhörlich weiter.

Zug gut eingestellt: Nach betätigen der Festsendertaste läuft der Skalenzeiger zu programmierten Stelle und stoppt dort. Die Hebelmechanik geht leichtgängig auf oberen Anschlag. Im Zuge dessen wird der Schaltblock entsprechend geschaltet und stoppt den Motor. Bei lösen der Festsendertaste ändert sich nichts. Wenn alles passt, sollten die Stellschrauben wieder gesichert werden. Ich verwende ebenfalls wieder roten Schraubsicherungslack. Zur Not geht auch etwas Nagellack (aber vorher die Gattin fragen😉).


Sollte sich keine zufriedenstellende Einstellung finden:

  1. Geht das Kegelrad leicht und ganz zurück nach erreichter Senderpositionsfahrt? Wenn nein:
  2. Lager und Motorwelle wirklich sauber und leichtgängig? Ist ein muß!
  3. Ist das Kegelrad unbeschädigt = kein Grat o.ä.? 
  4. Ist der Gummiring, auf den das Kegelrad greift, in Ordnung und griffig? Im Zweifelsfall mit Isopropanol reinigen.
  5. Ist die übrige Mechanik, wie oben beschrieben leichtgängig? 
  6. Wurde der Motorkondensator gewechselt? Wichtig und unumgänglich! Achtung, dieser hängt primärseitig am Netztrafo! Den anhängenden 100 Ohm Widerstand am besten gleich auf Werthaltigkeit mit kontrollieren.



Das alles setzt natürlich voraus, das man ein unzerstörtes, vollständiges Radio vor sich hat. 

Bei diesem Radio ergab sich übrigens anfänglich das Problem, daß die Automatic 2x, 5x, 10x ? anständig funktionierte und dann die oben beschriebenen Zugspannungsprobleme eintraten. Schuldig waren jedoch nicht die Bowdenzüge, sondern das Kegelrad, welches tatsächlich einen ganz leichten Grat aufwies. Wenn dieser bei Stop auf dem Gummiring lag, blieb er dort hängen, bzw. verzögerte das wieder einrücken der Welle. Damit fehlte mitunter den Hebeln der nötige Schwung um in Ihre Endposition zu rücken. Womit zwangsläufig auch die elektrischen Kontakte nicht sauber schalteten = Sendersuchrad dreht weiter. Ich habe das Kegelrad mit 800er Schmirgel vorsichtig abgezogen bis es wieder schön glatt war. Danach gab es keine Probleme mehr.


Bei diesem Radio würde ich fast schon empfehlen den Gleichrichter direkt immer mit zu erneuern (hier geschehen). Es sei denn der originale Selengleichrichter ist noch absolut über jeden Zweifel erhaben. War er hier nicht, er lieferte ca. 45 Volt zu wenig). Der rein praktisch gesehene Austauschrund: Der Gleichrichter ist versteckt hinter der Skalenscheibe. Und diese ist Philipstypisch mit den, schon in einem anderen Bericht beschriebenen, Gummimuffen befestigt. Die Demontage der Skala ist nicht ganz unheikel und einmal sollte genug sein.

Ein moderner Siliziumgleichrichter plus Vorwiderstand (hier 100 Ohm) kann an gleicher Stelle problemlos montiert werden. Es können die Schraublöcher des alten Gleichrichters verwendet werden.



Jetzt sind wir endlich so weit nach getaner Arbeit einen längeren Probelauf zu starten. Den restlich Arbeitstag war alles gut. Um auch MW (und überhaupt den AM Bereich) zu testen, noch mal entspannt ran nach Sonnenuntergang. Und ich war überrascht, es war selbst auf MW recht viel zu empfangen. Alles läuft tadellos. Erstmal. Einige Male hin und hergeschaltet und plötzlich - Stille. Nicht mal mehr rauschen. Gut, es war inzwischen19.30 Uhr, das war dann ein Problem für morgen. 

Lange suchen mußte ich dann nicht. Eine marode Lötstelle war schuld. Nachgelötet und alles funktionierte wieder. 

Das Prachtstück sollte auch noch Bluetooth bekommen. Der Probelauf ist, zeitlich gesehen, immer perfekt für das Zusammenlöten des Bluetoothadapters. Ich war mitten drin da höre ich neben mir ein "Bing" und der Radioton war schlagartig dumpf. Obwohl augenscheinlich völlig in Ordnung, war ohne jedes Zutun jetzt der Seilzug des Bassreglers gerissen.


Natürlich! war die Skalenscheibe schon montiert. Ich habe sie auch nicht wieder demontiert. War dann noch etwas fummliger, aber der neue Seilzug ließ sich auch so montieren. 


Der Bluetoothadapter war nun auch fertig und wurde angeschlossen und montiert. Hier nur möglich mittels Hall-Sensor. Bluetooth klang super, nur gab es eine Merkwürdigkeit. Bei spielender Musik fast nicht wahrnehmbar, wohl aber wenn nicht übertragen wurde. In zwei bestimmten Positionen des Lautstärkereglers, gab es sehr seltsame Störgeräusche. Ich kann dies in Worten kaum beschreiben. Und wie das so ist, hat man es erst einmal wahrgenommen, hört man es immer. Erste Vermutung - da stimmt irgendwo im Signalweg Phonoeingang/Lautstärkepoti etwas nicht. Denn bei Radioempfang bestand das Problem nicht. Weder bei FM noch bei AM. Der Signalweg ist überschaubar. EABC80 gewechselt, Fehler blieb. Widerstände unterwegs waren o.k. Der an der zuständigen Stelle hängende (Keramikröhrchen)Kondensator an der EABC80 wurde einseitig abgelötet und durchgemessen. Kapazität und Isolationswiderstand waren einwandfrei. Das geschirmte Kabel zum Poti provisorisch ersetzt, kein Erfolg. Diese merkwürdigen Störgeräusche blieben. Irgendwann hatte ich alle mir bekannten Störmöglichkeiten durch, die durch Radiobauteile verursacht werden konnten. Die Geräusche blieben immer gleich. 

Jetzt hatte ich den Bluetoothadapter selbst im Verdacht. Vielleicht hier ein Fehler in einem Bauteil oder irgendwo ein Lötfehler beim Zusammenbau? Kurzerhand machte ich einen weiteren Adapter fertig und schloss diesen provisorisch an. Und siehe da.... das gleiche Problem...

Jetzt wußte ich nicht mehr wo ich noch suchen sollte. Unmittelbar weitermachen ist dann meist fruchtlos. Erst mal sacken lassen und in Ruhe darüber nachdenken. 

Letztendlich konnte das Störgeräusch nur vom Bluetoothadapter selbst kommen. Da durch den zweiten Adapter jeglicher Bauteil- und Lötfehler ausgeschlossen werden konnte, gab's hier eventuell ein Grundsatzproblem zwischen Radioverstärkung und Adapter? Eventuell ist die eisenlose Endstufe in Verbindung mit (auch) dem Vorverstärker des Moduls grenzwertig im problemlosen Zusammenspiel? Ein jeweils einzelnes entfernen der Endröhren EL84 und UL84 brachte übrigens auch nichts. Die Geräusche blieben bestehen.

Es half nichts, so wollte ich das nicht lassen. Da ich das Problem nicht anders packen konnte, fiel die Entscheidung die offensichtlich störenden Signale/Frequenzen rauszufiltern. 

Die Lösung: In die Signalleitung zwischen Bluetoothadapter und Lautetärkepoti, wurde direkt am TA Eingang (wo die Signal/Masseleitung des Adapters angeschlossen wird) ein zusätzlicher Kondensator zwischengeschaltet. Um das ganze klanglich gut zu halten, probierte ich verschiedene Werte aus. Das beste und von mir nicht mit hörbaren Einschränkungen feststellbare Ergebnis brachte ein 0,047 uF Kondensator. Klingt immer noch fantastisch und das Problem der Störgeräusche war nicht mehr vorhanden. Nicht mal ansatzweise. Und damit jetzt auch gar nichts mehr schief geht, habe ich diesen Kondensator noch zusätzlich abgeschirmt und die Schirmung auf Masse gelegt. Nach der ganzen Sucherei kam es da nun auch nicht mehr drauf an. Ich war einfach heilfroh das Problem endlich beseitigt zu haben. Diese Art von Problem gab es übrigens vorher noch nie. 


Und nur mal so nebenbei. Angetan von dem guten Mittelwellenempfang im ersten, leider dann ausfallbehaftetem Versuch, habe ich einen weiteren Abend probegehört. Chassis noch nicht eingebaut, Gehäuselautsprecher provisorisch angeschlossen und dann - Senderjagd. Dann einfach mal Licht aus, nur die radioeigene Beleuchtung inkl. Röhrenglühen und irgendeinem Sender von irgendwo aus der Welt lauschen. Ich verstand kein Wort, aber - was für ein Spaß!


Jetzt lief endlich alles stabil. Die Automatic lief ohne zu mucken, sehr guter Empfang und ein traumhafter Klang. Auf zum Zusammenbau. Hier gibt es noch einen kleinen Haken, im wahrsten Sinne des Wortes. Da die EM80 völlig verbraucht war, mußte natürlich Ersatz rein. Jetzt habe ich schon etliche NOS EM80 erhalten. Viele davon gestempelt mit Siemens, Telefunken, usw. Nur waren dennoch ausnahmslos alle in Ihren Maßen größer wie die originale EM80. Ich vermute das alles russische oder DDR Röhren waren, ggfs. eben einfach umgestempelt. Diese waren nämlich immer größer, so wie meine eben. Grundsätzlich sind die nicht schlechter. Nur hat man dann oft das Problem diese in die vorhandene Halterung zu bekommen. Bei diesem 753 wird der magische Fächer mit einer Halteklammer festgespannt. Und da diese stramm sitzen muss, passt die Klammer bei größerem Röhrendurchmesser eben nicht mehr. Aber es ist einfach lösbar. Die umgebogenen Drahtenden einfach gerade biegen und dann ca. die Hälfte des alten Maßes neu umbiegen. Schon passt es wieder.


Dann war wieder alles an Ort und Stelle, das Gehäuse frisch gereinigt und poliert und ich gleichzeitig sehr froh über das Ergebnis und voller Bedauern das der Besitzer sein Radio tatsächlich zurück haben wollte😉.

Ich weiß nicht wann, aber irgendwann bekomme ich das 753/4E/3D auch noch mal. Und das wird dann absolut unverkäuflich sein.


Bericht Ende.

Bericht 28: Braun RC81-C / TS 3-81


Eigentlich war hierzu kein Bericht geplant. Die Instandsetzung war unspektakulär. Also...diese. Das Ganze ist jedoch etwas umfangreicher. Daher habe ich mich entschieden eben doch die Geschichte von - nämlich zwei Radios - zu erzählen.

Diese Geschichte hätte auch sehr enttäuschend enden können, wenn der liebe Sebastian nicht genau dieses Radiomodell hätte haben wollen. Aber beginnen wir ganz am Anfang.

Mein Kunde, Sebastian, brachte ein frisch erworbenes Braun TS 3-81. Äußerlich in top Zustand. Die Technik wurde jedoch schon einmal sehr umfangreich überholt. Fast alle Problemkondensatoren wurden bereits ausgetauscht. Alle Elkos waren noch im Original erhalten. Ein erster Probelauf - kein besonders guter und verzerrter Empfang. Ich dachte mir noch nichts böses...

Um es abzukürzen, nach Kontrolle und einiger Restarbeiten, blieb das Ergebnis bescheiden. Da ist wohl ein neuer Abgleich nötig. Gesagt, getan und dann stieß ich auf ein Desaster. Ein Abgleich des Ratiofilters war nicht möglich. Die Werte änderten sich praktisch nicht. Also, den Filterbecher mal öffnen und einen Blick auf die Bauteile werfen. Ach du Sch...ande! Warum auch immer wurden auch hier Kondensatoren gewechselt. Mehrere. Und bei der Gelegenheit dann wohl auch direkt die Wicklung der Abgleichspule mit dem Lötkolben zerstört. Das ganze wurde dann....mit Heißkleber überzogen. Dazu noch eine der Stellschrauben am Kopf ausgebrochen, von der zweiten ebenfalls ein Stück ausgebrochen. Was nicht verwunderlich ist, sie war bis auf Anschlag angedreht. Ich möchte das mal als Totalschaden beschreiben.

Jetzt schwante mir böses. Wenn hier so etwas hinterlassen wurde, besser mal alles genau unter die Lupe nehmen. Die übrigen Filter waren in Ordnung. Ganz im Gegenteil dazu die Abgleichkerne im UKW Kasten. Alle waren eindeutig  verstellt. Einer fiel im Grunde fast von selber raus. Die Fassung des Kernes wurde wohl deutlich mit Hitze behandelt (vermutlich um das Versieglungswachs zu lösen oder den Ferritkern an sich). Da war nichts mehr mit Halten, geschweige denn einstellen. In der Not habe ich den Ferritkern rausgedreht und mit etwas Dichtband umwickelt. So hielt dieser zwar wieder einigermaßen, aber ein weiterer war nicht in viel besserem Zustand. Ein vernünftiges Einstellen war unmöglich.


Zum ersten Mal mußte ich einem Kunden sagen: Das wird nichts!

Wir haben telefoniert und beschlossen irgendein Schlachtgerät, ggfs. nur die erforderlichen Teile für möglichst kleines Geld zu besorgen und umzubauen. Dieses Radio für kleines Geld? Fast aussichtslos. Monate vergingen. Dann fand Sebastian ein baugleiches Radio. In ebenso gutem Zustand wie das erste! Die Entscheidung fiel, Radio zwei wird nicht geschlachtet. Da vollständig und unberührt, wurde dieses komplett instandgesetzt.

Und hier gab es dann keine Überraschungen. Jedoch, nach getaner Arbeit war der Empfang auch hier schwach, aber klar. Die Spannung am Ratioelko betrug beim stärksten Sender knapp 14 Volt. Also auch hier ein Abgleich nötig. Vielleicht begann bei Radio eins genau so das Drama. 

Da hier aber alles unbeschädigt war, war auch der Neuabgleich kein Problem. Danach gab es besten Empfang und Klang. Am Ratioelko lagen nun knapp 28 Volt an beim stärksten Sender. 

Übrigens: Der magische Balken EM84) schließt nicht ganz. Dies ist kein Fehler, es gibt einige Radios bei denen das so ist. Im Zweifelsfall also nicht dadurch irritieren lassen und einen Fehler suchen wo keiner ist.

Interessant: Der "Tiefen" Regler hat eine Stellung "0". In dieser Stellung scheint die Reglung abgeschaltet zu werden. Man merkt zwischen 0 und 1 auch einen kleinen Schaltwiderstand. Der Restweg regelt gewohnt Widerstanslos im mechanischen Sinne.


Das Radiochassis (RC 81-C) wurde ganz offensichtlich für mehrere Radio- und Truhentypen genutzt. Auch für Modelle mit nur einem Lautsprecher. Obwohl das Chassis schon über TA stereofähig ist. Ein zweiter Lautsprecher konnte dann zusätzlich angeschlossen werden. Was aber wenn nicht? Hier hat die Fa. Braun eine ungewöhnliche Lösung erdacht. Grundsätzlich ist es hier so geregelt, das die Lautsprecher über Stecker, hinten am Chassis eingesteckt, betrieben werden. Wenn nun Modellbedingt nur ein Lautsprecher vorhanden ist, wird die zweite EL84 nicht genutzt. Sie wird zwar geheizt, glüht aber nur vor sich hin. 

Wird nun ein zweiter Lautsprecher eingesteckt, wird dadurch ein Kontakt geschaltet und die zweite EL84 wird so dann auch mit Spannung versorgt und darf mitarbeiten.

Dem Chassis wurden von Braun zwei Becherelkos spendiert. 50+50+8uF und einer mit 100uF. Etwas viel um es durch Einzelwerte zu ersetzen. Den 100uF Becher habe ich daher neu befüllt und wieder an seinen alten Platz gesetzt. Die 2x50 uF bekamen ebenfalls einen neuen Becher. Einzig der 8uF Elko wurde durch einen Einzelnen 10uF Elko ersetzt.

Natürlich wurden alle anderen Problemkondensatoren ebenfalls gewechselt. Und da das Radio sehr viele der berüchtigten Vitrohm Widerstände enthält, waren hier auch ungewöhnlich viele auszutauschen. Die Werte gingen von ca.80% über Sollwert bis zu >60megaohm. Alle anderen Widerstände waren noch erstaunlich genau in Ihren Werten und blieben auch im Gerät. Der alte Selengleichrichter wurde ebenfalls ersetzt gegen einen Siliziumgleichricher plus Vorwiderstand. 

Da es hier die Möglichkeit gibt den Trafo auf 240Volt einzustellen, habe ich dies getan. Die Heizspannung liegt dann noch bei 6,1 Volt bei 230 Volt Eingangsspannung. Der neue Gleichrichter würde punktgenaue Spannung liefern bei 236 Volt Eingangsspannung. Hier muss man nicht päpstlicher sein als der Papst, auf ein paar Volt kommt es am Ende funktionstechnisch nicht an.

Die Skalenbirnchen sind hier, ebenfalls sehr ungewöhnlich, am unteren Ende der Skala in einen Hohlraum eingesetzt. Zum Wechseln kommt man nur dran, wenn man durch die Bodenplatte geht. Hier gibt es an entsprechender Stelle zwei Öffnungen. Also möglich, aber umständlich. Daher wurden hier von mir direkt zwei LED Birnchen neu eingesetzt, in der Hoffnung das diese die nächsten Jahre halten.


Dieses Radio ist bekannt dafür, das Braun hier die Endstufe bis auf's letzte bisschen ausgereitzt hat. Klanglich muss ich sagen - mit dem Radio kann man eine Halle beschallen! Da ist richtig Dampf drin. Stereo klingt großartig, trotz der eng beieinander liegenden Lautsprecher. Der hier von mir verbaute Bluetoothadapter macht in Stereo dann richtig Spaß! Das hat klanglich nicht jeder Hersteller so gut gelöst. 

Interessant ist auch der Balanceregler. Dieser sitzt auf der Rückseite des Gerätes als kleine Stellschraube. 


Optisch war Braun seiner Zeit etwas voraus. Die eckige Form war 1959 eigentlich noch nicht modern. Das kam dann in den frühen 60er langsam auf und setzte sich dann durch. Die Gehäuserundungen verschwanden dann völlig. 

Klanglich hat dieses frühe (NF) Steroradio ebenfalls schon die Nase (oder lieber Ohren?) weit vorne. 

Fazit: Über die Optik kann man streiten, über den hervorragenden Klang nicht. Das wichtigste aber ist, das die Radio Odyssee doch noch zu einem glücklichen Ende kam und der liebe Sebastian jetzt sein Traumradio hoffentlich noch sehr viele Jahre genießen kann!


Bericht Ende.


Bericht 29: Sonata Giebichenstein

Und wieder mal ein schönes Ostradio. Wobei wohl die wenigsten je von dem Hersteller Sonata gehört haben dürften. Die Fa. Sonata gab es auch nicht lange, nur von 1947 bis 1957. In der DDR zu Hause, mißfiel der Obrigkeit schnell der Erfolg des Privatunternehmens. Letztendlich erzwang die Staatsführung die endgültige Enteignung und Sonata wurde in das staatliche VEB Funkwerk Halle umgewandelt. Dieses Radio ist eines der letzten, gebauten Sonata Radios. Was ein Jammer ist, denn die Fertigung weißt einige Besonderheiten auf. Die hochwertigen Holzgehäuse wurden von  einer renommierten Klavierbaufirma gefertigt. Und hier wurde nicht gespart. Dickes Holz, hochfertiges Funier. Ich habe das Gehäuse nicht gewogen, schätze es aber mal auf ca. 15kg. Allerdings tragen 4 Lautsprecher und zwei Ausgangsübertager welche im Gehäuse montiert sind Ihren durchaus großen Gewichtsanteil bei.

Auch ohne zu wiegen, wohl das schwerste Gehäuse welches ich bisher auf dem Tisch hatte. Das Gesamtgewicht des Radios liegt übrigens bei 25 kg.

Technisch gesehen ist dieses Radio auch ziemlich ungewöhnlich und aufwändig konstruiert. Es gibt zwei getrennt aufgebaute UKW Tuner. Einen für UKW Radioempfang, einen für UKW Fernsehton. Dieser mit Trommelkanalwähler mit Bedienung auf der Geräterückseite. Den Fernsehtonbereich bedienen zwei Röhren, eine EC92 und eine ECC84. Die Frequenzbereiche sind in 6 Schaltschritten = drehen der Trommel, einstellbar mit einer separaten Feinabstimmung. Die wählbaren Frequenzbereiche je Schalterstellung, sind auf der Rückwand aufgedruckt.

Eigentlich schade, das diese immer noch funktionierende Einrichtung heute keine empfangbare Funktion mehr erfüllt.

Was gibt's sonst noch? Alles was das Radiohörerherz damals begehrte. UKW, LW, MW und 2 x KW. Dazu noch ein Klangregister mit vier Wahlmöglichkeiten (welche mich noch etwas beschäftigen sollten, dazu später mehr). Gehörrichtige Lautstärkereglung, Gegentaktendstufe, getrennte Höhen- und Tiefenreglung, vier Lautsprecher.

Grundsätzlich ist die (Empfangs)schaltung schon etwas ungewöhnlich. Alleine die UKW Abstimmung mittes  gegenläufige Variometerspulen sieht man nicht alle Tage. 

Der AM-Bereich wird über einen normalen 2 fach Drehkondensator gewählt. Da es hier keinen Duplexantrieb gibt, laufen Variometer und Drehko immer gleichzeitig. Und das ganze mit einem recht umfangreichen Skalenseilzug. Dieser war hier völlig lose, konnte aber zum Glück nachgespannt werden. Zumindest erst mal. Da gab es dann noch eine einschränkende und schwer händelbare Besonderheit. Darauf komme ich am Ende noch mal zurück.

Jetzt wird es mal kurz technisch (aber hoffentlich dennoch für jeden verständlich). 

Behauptung:

Die Ratiospannung muss bei stark einfallenden Sendern immer deutlich höher sein wie bei schwachen Sendern. Oder doch nicht?

Ich möchte ja immer möglichst alles so beschreiben, das auch ein Laie einigermaßen folgen kann. Daher grob beschrieben - die Schaltung der Röhren untereinander (damit empfangen, verarbeitet und wiedergegeben werden kann), ist hier eher ungewöhnlich. Die Röhrenradios der 50er und 60er Jahre arbeiten alle mit einer Ratiospannung. Diese ist eine Gleichspannung im UKW- Teil, welche als Indikator der Empfangs(feld) stärke eines Senders dient und zur automatischen Lautstärkereglung genutzt wird. Bei sehr starken Sendern wird so die Verstärkung gedrosselt, um ein Übersteuern des Radios zu verhindern. Außerdem dient diese (negative) Spannung zur Steuerung des magischen Auges/Fächers/Balkens (hier eine EM80 = magischer Fächer). Je höher die Spannung, desto genauer ist der Sender abgestimmt = umso stärker ist das empfangende Signal. Diese Ratiospannung kann direkt am Ratioelko gemessen werden. Entsprechend der Empfangsstärke bei der Sendersuche/wahl, kann man dann mit einem einfachen Multimeter steigende oder sinkende Spannungen verfolgen. 

Jetzt kommen wir zur Besonderheit bei diesem Giebichenstein. Bei fast allen Röhrenradios liegt der Spannungsbereich bei gut eingestellen (abgeglichenen) Radios bei ca. 20 bis manchmal 40 Volt. Es gibt hier keinen fixen Wert, da schaltungstechnisch die unzähligen Modelle der  Hersteller irgendwo in diesem Bereich  verstreut liegen. Nicht aber das Giebichenstein. Da das Radio nach erfolgter Instandsetzung fast nichts empfing, mußte ich es neu abgleichen. Danach  war der Empfang sehr gut, reichhaltig und laut. Aber - die Ratiospannung geht nicht über 12 Volt. Das alles aber akustisch zu stimmen scheint, bei gleichzeitig niedriger Ratiospannung, ist ungewöhnlich. Aber bei diesem Radio von Sonata so gewollt. Hier greift nämlich die ungewöhnliche Schaltung. Diese sorgt für eine frühe Begrenzung. Das wiederum sorgt dafür, das der Ratiodetektor auch bei sehr unterschiedlichen Antenneneingangsspannungen nur einen sehr kleinen Spannungsbereich verarbeiten muß. Tatsächlich ist eine solche Schaltungsart kein Nachteil.

Eine Schaltung mit früher Begrenzung ist deutlich aufwändiger als eine Schaltung ohne oder mit einer spät einsetzenden Begrenzung. Sie erfordert eine spürbar höhere Gesamtverstärkung und präzisere Bauteile im Empfänger. Meist wird auch eine zusätzlich ZF- Verstärkerstufe benötigt. Der Nachteil (aber eigentlich nur für den Techniker) - ein schlechter Abgleich macht den Vorteil der frühen Begrenzung sofort zunichte. Heute - in Anbetracht aller inzwischen gealterten Bauteile - kann das echt mühselig werden. 

Und was ist jetzt der Vorteil? Kurz gesagt, eine früh einsetzende Begrenzung macht das Radio unempfindlicher gegenüber Knack- und Zischstörungen und sorgt dafür, dass schwächere Sender sauber und ca. gleich laut wie starke Ortssender wiedergegeben werden. Es handelt sich hier im Grunde um  ein hohes Qualitätsmerkmal für den UKW-Empfang.

Sonata hat hier also auf den letzten Existensmetern noch mal alles gegeben. Leider vergeblich. Aber weiter zum Radio.

Das Klangregister

Oft vorhanden und eigentlich nichts besonderes. Hier jedoch hat mich auch das etwas beschäftigt. Blicken wir zurück in die 50er Jahre, muß man wissen das man Sende- wie Aufnahmetechnisch eher bassschwach unterwegs war. Viele Radios hatten daher eine extra Basstaste, noch zusätzlich zum fast immer vorhandenen Bassregler. Sonata hat beim Giebichenstein auch hier wieder besonders konstruiert. 

Es gibt die Klangwahlmöglichkeiten "Normal" "Sprache" "Orchester" und "Jazz". Bei Wahl "Normal" sind die separaten Höhen- und Tiefenregler aktiv, womit ein wirklich sehr schönes Klangbild  eingestellt werden kann. Die anderen drei Klangtasten sind klanglich fest 'Programmiert'.  Und das führte zu einem Problem. Sonata hat es hier wohl, den damaligen Bedingungen angepasst, sehr gut gemeint mit 'mal richtig ordentlich Bass reinbringen'. Bei, zum Glück, fast zugedrehter Lautstärke gab es in Stellung Orchester und Jazz ein ungeheures Scheppern aus den Lautsprechern. Die Endstufe wurde gnadenlos überlastet! Alle Arbeiten waren erledigt, die Spannungen gemessen, das sollte jetzt nur noch der abschließende Probelauf werden....

Es mußte Abhilfe her. Fast alle Röhrenradios sind heute sehr basslastig. Meist aber noch recht gut händelbar über diverse, radioeigene Klangeinstellmöglichkeiten. Einen solch extremen Fall wie bei diesem Giebichenstein hatte ich jedoch noch nie. Hier ist wirklich einiges anders wie sonst. Kurzum, es mußten einige Bauteile in Ihren Werten angepasst werden. Begonnen habe ich mit den Kathodenelkos. Hier mit 2 x 100uF im Original. Alleine mit einer Kapazitätsänderung hier wurde es besser, aber nicht gut. Am Klangregister selbst bestand auch Handlungsbedarf. Eine Kondensator/Widerstandkombi (RC-Glied) wurde hier bei Orchester und Jazz aktiv und sorgte für eine deutliche Bassanhebung. Im Original hier ein RC- Glied von 10.000pf + 15 kohm. 

Die Anpassung wurde recht zeitaufwändig durch Hörermittlung durchgeführt. Diverse Werte in verschiedenen Konstellationen wurden ausprobiert und "ausgehört". Das Ergebnis:

Kathodenelko: Neu 2 x 10uF

RC-Glied im Klangregister: Neu 6800pf + 100 kohm


Das ist schon eine deutliche Anpassung, aber jetzt gibt es keinerlei Scheppern mehr und dennoch wurde die von Sonata angedachte Bassanhebung beibehalten. Aber warum scheppert es im Originalzustand und nicht mehr nach der Anpassung? Im folgenden die Erklärung:

Das (hier massive) Überlasten der Endstufe und das Scheppern in der Schalterstellung „Orchester“ und " Jazz" ist manchmal ein klassisches Phänomen bei Röhrenradios, bei dem sich Arbeitspunkt-Instabilität und frequenzabhängige Gegenkopplung (Loudness-Effekt) überlagert haben. Die Modifikationen haben das Problem an der Wurzel gepackt. Hier ist die genaue physikalische und schaltungstechnische Erklärung für dieses Verhalten:

1.Die Bassanhebung im Klangregister (RC-Glied).

In der Stellung „Orchester“ wird (oft über eine spezielle Gegenkopplung und/oder einen gehörrichtigen Lautstärkeabgriff) eine massive Bassanhebung geschaltet.

  • Ursprungswert (10.000 pF + 15 kohm): Diese Kombination bildete ein extrem tief greifendes Filter, das die Bässe überproportional stark anhob. Bei Vollaussteuerung führte dieser enorme Pegel im Tieftonbereich dazu, dass die EL84 Endstufenröhren völlig übersteuert wurden.
  • Geänderter Wert (6.800 pF + 100 kohm): Durch die Verkleinerung des Kondensators (von 10.000pf  auf (6800pf) wird die Grenzfrequenz leicht nach oben verschoben. Der Widerstandswert wurde drastisch erhöht (von 15 kohm auf  100 kohm), was den maximalen Anhebungshub bei tiefen Frequenzen stark abdämpft. Die Endstufe arbeitet wieder im linearen, sicheren Bereich, ohne bei Bassimpulsen in die Knie zu gehen.

    2. Die Kathodenelkos und die Gegenkopplung

    Die beiden 100uF Kathodenelkos sind für den extremen „Bass-Wumms“ (und das anschließende Scheppern) mitverantwortlich. Ein Kathodenelko überbrückt den Kathodenwiderstand, um die Gegenkopplung im Rhythmus des Audiosignals (Wechselstrom) aufzuheben und so die volle Verstärkung zu erzielen. Mit 100uF ist dieser Elko für die heutigen Bedingungen und in dieser besonderen Schaltung so überdimensioniert, dass er selbst tiefste Frequenzen ungehindert passieren lässt. In Kombination mit der „Orchester“-Bassanhebung verstärkte die Schaltung ultratiefe Frequenzen (z.B. Rumpeln, Netzbrumm, Subsonic) mit voller Leistung. Die Röhren zogen kurzzeitig extremen Strom, die Spannung brach ein, und der Lautsprecher schlug unkontrolliert an (Scheppern). Mit dem geänderten Wert (2 x10uF) bildet der 10uF Elko zusammen mit dem Kathodenwiderstand einen Hochpass (eine sogenannte Gegenkopplung im Bass). Das bedeutet: Sehr tiefe Frequenzen werden nun nicht mehr voll verstärkt, sondern schwächer. Die Bässe werden „schlanker“, und die empfindliche Gegentaktendstufe wird von der zerstörerischen Leistung der unhörbaren Tiefstfrequenzen entlastet.

    Fazit:

    Die Schaltung wurde auf moderne Verhältnisse und die mechanischen Grenzen des Radios optimiert. Der Verstärker arbeitet nun außerhalb der Sättigung, was den Klang sauber und verzerrungsfrei macht.


    Wenn wir schon bei ungewöhnlich konstruiert sind, auf folgendes muss man erst mal kommen.

    Die Regler für Höhen und Tiefen sind auf den ersten Blick wie immer. Zwei Stellrädchen die je ein Poti bedienen und ein Seilzug mit eingehängter Stellungsanzeige.

    Jetzt war das Chassis ausgebaut. Und die besagten Regler wurden durch eine Feder am Ende des Seilzuges immer bis auf Anschlag zurückgezogen. Auf Wunschposition einstellen damit unmöglich. Jetzt war auffällig das die Potiachsen recht weit vorstanden. Und das aus einem bestimmten Grund. Denn im eingebauten Zustand gehen die Achsen in je ein dafür vorgesehenes Loch im Gehäuse. Wenn nun also die Potiachsen in diesen Führungslöchern sitzen, werden sie entsprechend gebremst, rutschen nicht immer auf Anschlag und lassen sich leichtgängig einstellen. Das habe ich so noch nicht gesehen und wer zum Donnerwetter denkt sich so etwas aus. 

    Auch ungewöhnlich ist die Beleuchtung. Links und rechts mit je einer normalen E10 Skalenbirne. Mittig dann noch eine Soffittenbirne. Und wie oft in den Ostradios gibt es hier nicht einfach einen Papierstreifen zur Lichtstreuung. Beim Giebichenstein ist stattdessen eine weiß getönte Glasscheibe! vorhanden. Sehr chick! 

    Auch ungewöhnlich und gleichzeitig sehr servicefreundlich sind die Schaltkontakte der Tasten. Nicht irgendwo unzugänglich versteckt (wie fast immer), sondern von oben wunderbar zu erreichen. So leicht war das säubern noch nie. War aber auch dringend nötig. 


    Es gab auch noch den Bluetoothadapter. Obwohl hier das magische Auge nicht abschaltet, wird bei TA-Betrieb der HF-Teil abgeschaltet. So gibt es unter dem Chassis eine sehr gut erreichbare Stelle an den UKW Kontakten, an der nur 200 Volt anliegen wenn UKW gedrückt wird. Diese Spannung dient dazu den Bluetoothadapter bei UKW abzuschalten. Bei gedrückter TA-Taste liegt dort keine Spannung an = Adapter schaltet sich ein. Vom Bluetoothadapter wird entsprechend eine Leitung zu diesem Kontakt gelegt und dort mit angelötet.


    Bei aller Begeisterung gab es jedoch zwei nicht so schöne Dinge. Ich führe beide auf den Anfangs erwähnten Umstand zurück, das Sonata noch ein Privatunternehmen war. Und ich vermute mal dies war sicher ein Grund für eine eher ..... schleppende Materialversorgung.

    Das Modell Giebichenstein gab es mit Einweggleichrichter und Brückengleichrichter. Freiwillig hätte Sonata wohl niemals einen Einweggleichrichter eingesetzt. In diesem Radio war er vorhanden. Und bauartlich auch nicht mehr Stand der Technik, da gab es auch 1956 schon wesentlich kompaktere. Der Riesentrümner wurde durch eine Gleichrichterdiode BY255 ersetzt, mit einem parallel geschaltetem Kondensator plus Vorwiderstand. Der alte Gleichrichter wurde stillgelegt im Gerät belassen und die Neuteile einfach davor installiert. Der alte Selengleichrichter führt wunderbar die Wärme der Vorwiderstände ab.

    Manko zwei wird wohl auch die Mitarbeiter im Werk seinerzeit fluchen haben lassen. Das Chassis selbst besteht aus sehr weichem Blech. Beim Handling verwindet es sich, Teile biegen sich einfach weg. Etwas das ich in der empfindlichen Form auch noch nie hatte. Das führt durchaus in ausgebautem Zustand zu Problemen. Z.B. die Position(en) der Umlenkrollen des Skalenseilzuges ändert sich leicht - Seil wird lose. Dort wo das Chassis auf dem Gehäuseboden festgeschraubt wird, sind normalerweise Gewinde für die Schrauben. Hier nicht. Es sind Langlöcher vorhanden und separate Klemmstücke mit Gewinde zum Festschrauben. Ich denke Sonata hat aus Not zu dieser Lösung gegriffen, bedingt durch die Verwindungsfreudigkeit des Chassisbleches. Fixe Gewindelöcher hätten die halbe Zeit wohl nicht mehr gepasst.

    Nachdem das Chassis wirklich mühsam! wieder eingebaut war, rächte sich die Konstruktion und Kombination aus oben erwähnten Führungslöchern für die Regler und des labbrigen Chassis. Da es etwas Gefummel ist die Löcher auch mit den Achsen zu treffen, gleichzeitig das ganze dann nicht zu stramm anliegen zu lassen (dann dreht sich nämlich nichts mehr) um dann das Chassis wieder zu verschrauben, reichte ein leichtes Verziehen des Chassis dazu, das der Skalenseilzug minimal lose wurde. Und das verzeiht das Radio nicht. Der Seilzug muß ganz schön was bewegen. Neben diversen Umlenkrollen und dem Skalenzeiger, auch den AM-Drehko sowie gleichzeitig die Variometerkerne für FM. Davon gibt es direkt zwei. Und diese funktionieren dann auch noch gegenläufig. Wenn die Variometer auch nur leicht aus dem Gleichlauf kommen, ist nicht mehr viel mit Empfang.

    Also - alles noch mal ausbauen und den Seilzug nachspannen. Ich kann versichern, mit so einer labilen Chassiseinheit ist das Höchststrafe. Jedes Aus- und Einbauen macht es nämlich nicht besser. Aber nach Anlauf zwei (und einigen bösen Wörtern....) war dann endlich alles gut.

    Was gab's sonst noch? Einiges an maroden Lötstellen, welche dann einfach brachen. Hier eine im UKW Kasten, welche gerade noch so manchmal Kontakt bekam. Folge - Sender wechselten von laut zu leise .

    Bei den eigentlichen Standardarbeiten, finden sich dann noch zwei Becherelkos. Wie in vielen Ostradios hier mit Einzelwerten von 50uF. Damit dies sauber und fest installiert blieb, habe ich mich entschlossen diese neu zu befüllen. Die jetzt oben rauskommende, blaue Leitung ist übrigens dann die Masseverbindung. Für eine vernünftige Verbindung erhielten beide Becher dazu noch unterhalb einen Massering. Ein 3 mohm und ein 10 mohm Widerstand waren 50% über Sollwert und wurden erneuert.


    Fazit: Dieses Radio muß man technisch erst mal verstehen. Altersbedingt und vermutlich aufgrund mitunter schwieriger Materialversorgung seinerzeit, ist es für eine Instandsetzung teilweise herausvordernd. Aber letzendlich dennoch ein Prachtstück der Röhrenradioära.


    Bericht Ende.





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