Sonderbericht Musikschrank Graetz Belcanto 81223

Da kam mal wieder ein Riesentrümmer zur Instandsetzung. Mit 141,5 x 72,5 x 37,5 cm und 60 kg an Gewicht füllte das gute Stück schon eine ansehnliche Ecke meiner Werkstatt. Der wirklich sehr sympathische Besitzer (mein lieber Tim, ich grüße Dich) , hat knapp 600 km Anreise auf sich genommen, um das Tonmöbel persönlich anzuliefern! Vom Großvater damals neu gekauft, vom Vater zuletzt genutzt (welcher wohl gerne Hörbücher von Schallplatte gehört hat) bis hin zu Tim - der die Gerätschaft nur defekt kennt und nie einen Ton daraus gehört hat. Die Liebe zu diesem Erbstück, der nicht unerhebliche Transportaufwand und nicht zuletzt das Vertrauen in einen Ihm bis dahin völlig unbekannten Menschen (mich), fordert meinen äußersten Respekt ein! Danke Tim!

Die Truhe stammt aus dem Jahr 1964 und damit aus den schon ausklingenden Jahren der Röhrentechnik und den damit verbundenen, wuchtigen Musiktruhen. Der seinerzeit optional nachrüstbare Stereo-Decoder für UKW ist hier tatsächlich vorhanden. Das macht es natürlich am Ende richtig rund! Die recht weit auseinander liegenden Lautsprecher schaffen nämlich einen schönen, gut hörbaren Stereoeffekt. Ausgestattet mit "nur" 8 Röhren. Allerdings gibt es hier schon die, damals ganz neue, ECLL800 als Endröhren im Doppelpack. Diese Röhre kann man als Abschluss der Röhrenentwicklung bezeichnen. Hier wurden in einer Röhre zwei Leistungspentoden plus einer Triode vereinigt. Oder anders gesagt - hier ist die Technik in einer Röhre vereinigt, für die man wenige Jahre vorher noch 3 Röhren einsetzen mußte (z.B. eine ECC83 plus zwei EL84). Einerseits natürlich für die Hersteller eine deutliche Kosten- und Platzersparnis. Aber wie so oft, kein Vorteil ohne Nachteil. Soviel Systeme in eine Röhre gepackt, führt neben ziemlicher Enge im Glaskolben auch zu einer enormen Hitzeentwicklung. Die ECLL800 gilt daher als recht störanfällig. Und obwohl sie als eine der letzten und damit jüngsten Röhren gilt, ist sie dennoch entsprechend rar und heute recht teuer (ca.60,-€).

Die Truhe ist mit einem Radiochassis und einem Plattenspieler Perpetuum- Ebner PE66 ausgestattet. Der technische Aufbau an sich ist ungewöhnlich und modern 60er Jahre mäßig gehalten. Das Radiochassis steht nicht klassisch im Schrank, sondern es hängt darin. Und so muß es auch zum Ausbau nach oben aus der Truhe rausgehoben werden. Um überhaupt an die Chassisschrauben zu gelangen, müssen vorher vier Zierleisten entfernt werden.

Nach dem öffnen der Rückwandteile offenbart sich zunächst ein ziemliches Kabel- und Steckerwirrwarr. Das Netzteil mit beiden ECLL800 und einer ECC83 befinden sich ein ganzes Stück entfernt vom eigentlichen Radiochassis. Verbunden ist alles über einige Kabelstränge.

In solchen Fällen hilft immer nur sich in Ruhe einen Überblick zu verschaffen, die nötigen Dinge vor Ausbau zu dokumentieren und dann strukturiert alles auszubauen.

Jetzt sah alles erst mal nach einer absolut problemlosen Instandsetzung aus. Die üblichen Teile getauscht, zwischendurch immer mal wieder ein kurzer Probelauf - alles lief nach Plan. Aber es sollte noch richtig dicke kommen. Dazu gleich aber ausführlich mehr. 

Vorher nehmen wir uns noch kurz den Stereo-Decoder vor. Wie anfangs erwähnt, ist dieser hier schönerweise vorhanden. Damit konnte schon damals auch das taufrische Radiostereoprogramm entsprechend wiedergegeben werden. Heute im ersten Anlauf jedoch nicht mehr, Stereo war tot. Ich hatte schon einige, verschiedene Stereo-Decoder in Arbeit. Was alle gemeinsam haben, sind diverse Kleinelkos. Und diese "killen" immer das Stereo, da min. einzelne defekt sind. Da der Decoder optional nachrüstbar war, ist auch dafür gesorgt worden diesen einfach! nachzurüsten zu können. Ein kompakter Alukasten, welcher einfach per Steckverbinding auf die Platine gesteckt wird. Nach entfernen der Aluminiumhülle, liegt die Decodertechnik frei. Nach Austausch von nur vier Bauteilen, gab es wieder allerfeinstes Radiostereo.

Es hätte sogar noch weiteres Zubehör gegeben. In der Front der Truhe gibt es noch ein sehr kleines, rotes Kunststoffteil. Rot nur, wenn es von innen beleuchtet wird. Und dies geschah nur, wenn auch noch ein zusätzlicher, sogenannter Stereo-Indikator verbaut wurde. Dieser zeigte dann einfach an, das dass Radioprogramm in Stereo empfangen wurde. Diese Einheit gab es hier jedoch nicht. Aber um den Effekt einfach mal darzustellen, habe ich entsprechende Stelle einfach mal von hinten mit einer Taschenlampe beleuchtet. Treue Leser wissen, das ich solche Details einfach mag😉.


Es soll in meinen Berichten ja immer auch um Besonderheiten gehen. Ob nun ungewöhnliche oder seltene Modelle, technische Besonderheiten, oder um.... nennen wir es ungewöhnliche Begebenheiten. Und ich wüßte jetzt nicht, was noch ungewöhnlicheres passieren kann. Murphy hat hier mit all seiner Macht zugeschlagen...

Neben der einfach zugänglichen Netzsicherung, gibt es noch drei weitere Sicherungen. Diese jedoch nur erreichbar, wenn die Trafoeinheit ausgebaut ist. Zu Beginn waren hier die 2,5A und die mittlere 4A Sicherung defekt. Das wunderte mich zwar etwas, aber nach Austausch war zunächst alles gut, Radio hatte wieder Strom. Ob die defekten Sicherungen in irgendeiner Form mit den folgenden Ereignissen in Zusammenhang bringbar sind....


Alles war fertig. Es stand nur noch einer der abschließenden Dauerprobeläufe an. Die Probeläufe finden immer in noch ausgehautem Zustand statt. Es wird nicht nur gehört, sondern auch die Leistungsaufnahme und die Spannung am Gleichrichterausgang beobachtet. Gestern noch alles gut, starte ich heute also neu. Die Spannung am Regel/Trenntrafo wird langsam hochgedreht.  Dann, bei ca. 140 Volt Eingangsspannung sehe ich bei der Spannungsmessung am Gleichrichter zwei, drei extreme Spannungssprünge bis auf ca. 370 Volt. Dann brach die Spannung komplett zusammen, alles war tot. Das ganze Schauspiel dauerte vielleicht zwei, drei Sekunden. Bei aller Verwirrung und Erstaunen, reichte es bei mir wenigstens dazu auch den Regeltrafo direkt abzuschalten. Ich muß gestehen, ich wußte nicht ansatzweise was da gerade passiert ist. Keine der vorhandenen Sicherungen hatte ausgelöst. Nichts war optisch zu sehen (Verschmorungen z.B.). Auch kein Schmorgeruch oder britzeln oder knistern - einfach tot.

 Ich begann mir den Netztrafo vorzunehmen und durchzumessen. Es gab hier keine klaren Werte, die Anzeigen schwankten unregelmäßig. Warum war mir nicht klar, wohl aber das dass so nicht sein sollte. Da nichts sonst festzustellen war, dachte ich ein Windungsschluß im Trafo ist die Ursache für den Totalausfall. Das war irgendwie richtig - und doch völlig falsch. Ich kläre es gleich auf. 

Ich beschloss also, ein neuer Trafo muß her. Und ich sagte ja bereits, Murphy hat hier alle Register gezogen. Dieser Trafo ist natürlich besonders. Es gibt nämlich direkt drei sekundäre Abgänge. Gebraucht? Schlachtgerät? Keine Chance! Also brauchte ich einen wirklich neuen. Grundsätzlich auch kein Problem, nur leider ziemlich teuer. Aber was hilft's. Nach Rücksprache mit Tim wurde der neue Trafo von mir konfiguriert und bestellt. Folgendes schicke Stück wurde dann geliefert. Der originale Trafo hat übrigens 80VA. 

Na denn, auf zum Trafotausch! Ich begann alle Anschlüsse zu dokumentieren. Dabei geht man irgendwann zwangsläufig an jede Leitung. Und dann stieß ich auf etwas, das eigentlich so nicht möglich ist.....

Ich entdeckte an der Rückseite des Sicherungshalters an der Stelle der 220 Volt Leitung eine sehr spitze Lötstelle. Und eng anliegend dort die Zuleitung des 127 Volt Wahlbereiches. Und die Spitze der Lötetelle hatte die Isolierung der 127 Volt Leitung durchstochen. Nur ein kleines Loch, aber durchgehend bis auf den Draht. Folge: 

Jetzt hatten die 220 Volt und 127 Volt Leitung Kontakt!


Nun wurde mir langsam klar was hier passiert ist. Der merkwürdige Fehlerverlauf, die merkwürdigen Messungen am Trafo, es begann Sinn zu machen. Ich versuche zu erklären, was bei dieser Kurzschlußschaltung passiert.

Die physikalische Erklärung (Autotransformator-Effekt)


Ein Netztrafo mit anzapfbarer Primärwicklung (hier für 110V,127V,150V,220,240V) besteht aus einer durchgehenden Wicklung mit verschiedenen Abgriffen.Wenn der 127V-Abgriff und der 220V-Abgriff durch den Isolationsfehler kurzgeschlossen werden, passiert folgendes: 

  • Windungsschluss auf der Primärseite: 

Ein großer Teil der Primärwicklung wird überbrückt. Das normale Übersetzungsverhältnis des Transformators wird extrem verzerrt. 

  • Extreme Spannungserhöhung (Aufwärtstransformation):

Die verbleibenden, aktiven Windungen der Primärseite müssen nun die gesamte Energie aufnehmen. Dadurch steigt die Induktion im Trafo rasant an. Die Sekundärseite (Anodenspannungswicklung) liefert dadurch ein Vielfaches ihrer normalen Spannung – und das schon bei geringer Netzspannung.

  • Der Sprung bei 140V: 

Als der Regeltrafo etwa 140V erreichte, reichte die induzierte Spannung auf der Sekundärseite bereits aus, um den Gleichstromkreis auf die gemessenen 370V hochzupeitschen.


Nachdem ich diese fatale Verbindung getrennt, neu isoliert und wieder angeschlossen hatte hatte, gab es auch wieder eindeutige und gute! Widerstandsmessung am Trafo. Was im Umkehrschluß heist - der Netztrafo ist nicht defekt! Jedoch war das Radio bei einem dann erneuten Startversuch immer noch tot. Irgendetwas anderes hat wohl doch Schaden genommen. Um es kurz zu machen, der neue Siliziumgleichrichter hat es nicht überlebt. Was in diesem Fall wirklich das allerkleinste Übel ist!

Aber wenn schon so viel Text, hier noch meine Erklärung was dort passiert ist.

Warum ist der Siliziumgleichrichter defekt?

Siliziumdioden reagieren im Gegensatz zu alten Selengleichrichtern oder Gleichrichterröhren (wie z.B. der EZ80) extrem empfindlich auf Überspannung:

  •  Überschreiten der Sperrspannung: Siliziumdioden vertragen keine Spannungsspitzen, die über ihr Limit hinausgehen. Durch den Autotransformator-Effekt lag die AC-Spitzenspannung auf der Sekundärseite vermutlich weit über 1000V. 
  • Der „sprunghafte“ Kollaps: Das sprunghafte Ansteigen und der plötzliche Zusammenbruch der Gleichspannung beschreiben exakt den Moment, in dem die Siliziumdioden rückwärts durchgebrochen und legiert (dauerhaft leitend geworden) sind.
  • Der Kurzschluss: Nach dem Durchbruch bilden die Dioden einen reinen Kurzschluss. Die Gleichspannung bricht sofort auf 0V zusammen.

 

Fazit:
Der Siliziumgleichrichter hat hier unfreiwillig als „Sicherung“ agiert. Er ging durch die extreme Überspannung des falsch verschalteten Trafos sofort in den internen Kurzschluss über. Glück gehabt. Durch die extrem kurze Zeit der Überspannung hatte der Trafo schlicht keine Zeit heiß zu werden, was die Isolierung der Wicklung gerettet hat.
Der Gleichrichter wurde erneut gewechselt und siehe da - das Radio spielt wieder als wäre nichts gewesen. Und jetzt mal ehrlich, das sind doch Verkettungen von Umständen, welche es eigentlich nicht geben kann, oder? Tja, eigentlich...
Den guten Tim habe ich natürlich wahrheitsgemäß über die Sachlage informiert. Den neuen Trafo mußte er natürlich nicht bezahlen, das muß ich leider als Lehrgeld verbuchen. 
Da ich erst sicher sein wollte das am Ende alles wieder funktionierte, hatte ich den Plattenspieler bis hierher erst mal ignoriert. Jetzt war auch dieser dran. Ein sehr schöner PE66 ist hier verbaut. Vollautomatisch, vier Geschwindigkeiten plus eine 0 Stellung (zur Entlastung des Reibrades), tadelloser Zustand. Aber, wie meist, bewegungsunfähig da sehr verharzte Schmierstoffe sehr blockierfreudig waren. Das Reibrad selbst sowie die gesamte Mechanik sind in einwandfreiem Zustand. Einzig die alte Schaumstoffauflage des Plattentellers war im laufe der Jahre völlig zerbröselt. Hier gab es später dann natürlich eine neue.
Besonders ein Kipphebel muß absolut leichtgängig sein. Sonst funktioniert die ganze Wechselautomatic nicht. Dieser Hebel muß so leichgängig sein, das er von alleine fällt. Hier hing er ursprünglich komplett fest.
Jetzt noch ein kurzer Blick auf die Wendenadel. Wie früher (bis in die 70er Jahre) üblich, gibt es eine Nadel für Vinyl (16, 33, 45 UpM) und eine Nadel für Schellack (78UpM). Beide sind auf dem gleichen Träger montiert. Die passende Nadel wird durch umklappen (drehen) des Trägers gewählt. Immer darauf achten, das hier Platten- bzw. Materialbezogen die richtige Nadel gewählt wird. Sonst leiden Platte sowie Nadel. Kleiner Hinweis am Rande: Zwar sehr selten, aber es gibt auch 78er welche aus Vinyl sind! Ich besitze tatsächlich eine davon. Haptik und Gewicht der Scheibe verraten es aber recht eindeutig.
Was es heute nicht mehr gibt, früher aber viele Jahre guter Standard war, ist die automatische Plattenwechselfunktion. Dazu gab es eine spezielle Wechselachse, welche bis zu 10! Schallplatten tragen konnten. Bei Ende einer Platte ging der Tonarm automatisch zurück und eine sehr komplexe Mechanik erkannte das es noch eine weitere, bereite Platte gab. Entsprechend fuhr ein rein mechanisches!! Programm ab, legte die nächste Platte nach und der Plattenspieler spielte automatisch weiter. Sehr von Vorteil für Partys oder auch romantische Stunden😉. Der Wechselvorgang kann auch während der Wiedergabe durchgeführt werden. Dafür wird einfach der Startknopf betätigt. Folgendes Video (Button) zeigt den PE66 während des Probelaufs und zeigt den Vorgang des Plattenwechsels. Plattenspieler und Radioteil sind noch ausgebaut auf meinen Werktisch und nur provisorisch angeschlossen.
Und so sieht das ganze in Aktion aus:
Video Plattenwechselvorgang / YouTube
Ich bin immer wieder beeindruckt, was die Ingenieure seinerzeit auf die Beine gestellt haben. So komplex die Mechanik, so zuverlässig mußte sie schließlich auch funktionieren. Und - sie tut es in diesem Fall auch 62 Jahre später noch! 
Es gibt auch immer noch einen kurzen Achstift zur Einzelplattenabspielung. Die Automatic ist hiermit nur teilweise in Funktion. Der Tonarm wird dann von Hand aufgelegt. Der eigentliche Startknopf startet nur mit der langen Wechselachse. Bei Plattenende wird der Tonarm aber auch mit der kurzen Achse angehoben, zurückgeführt, abgesenkt und der Spieler schaltet automatisch ab. 
Mal ehrlich, früher war Musik hören noch ein Erlebnis für Ohr, Auge und Hand!
Der Bericht ist jetzt schon so lang, dann jetzt auch alles. Es gab noch ein Zubehör, welches ich erst für eine nachträgliche Bastelei hielt. War es aber wohl nicht. Im Schallplattenfach gibt es noch eine Steckdose mit einem 5pol. DIN Anschluß direkt daneben. Diese Steckdose ist auch schon mit Schutzleiteranschluß (daher mein Bastelverdacht). Das ganze diente wohl dazu noch ein zusätzliches Tonbandgerät betreiben zu können. Strom- und Tonanschluß in einem. Schon luxeriös vorbereitet. 
Kurz ausgebaut, geprüft und für gut befunden kam direkt alles wieder an Ort und Stelle. Da dies hier so ist, es aber für Stecksose und Radio/Plattenspieler nur ein Netzkabel gibt, gab es in diesem besonderen Fall dann auch einen Schutzkontaktstecker. Geerdet ist aber nur  die Steckdose.

Ich denke jetzt wurde aber wirklich alles erwähnt. Der Zusammenbau verlief absolut problemlos und das gute Stück spielte wieder wunderbar. Und klingen tut sie wirklich fabelhaft! 

Bericht Ende.




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