Sonderbericht Instandsetzung Siemens Spitzensuper 53 SH 1226W
Es gibt kleine Röhrenradios, "normal" große, große und solche Schlachtschiffe wie dieses Siemens Spitzensuper 53. Und es gibt Situationen, in den man = ich wirklich einfach dämlich ist! Aber dazu am Ende mehr. Jetzt erst mal zum Radio an sich.
- Maße: 70 x 49,5 x 35,5 cm.
- Gewicht: 25 kg
- Besonderheiten: Der Bereich der Senderskala samt Bedientasten kann mittels Abdeckplatte verdeckt werden. 11fach Tastensatz. 3 programmierbare Ortssendertasten für AM. HF-Vorstufe. Bandbreitenreglung. Gegentaktendstufe. 2 Selengleichrichter.
- Bänder: UKW, LW, MW, 3 x KW
- 2 mächtige Hauptlautsprecher plus einen mittig sitzenden Elektrostaten.
- Mögliche Spannungswahlmöglichkeiten: 110, 120, 150, 220, 240 Volt.
- Herstellungsjahr: 1952
- Damaliger Preis: 870 DM
Hier bestätigt sich wieder, die Jahre 1952/53 bis 1954/55 waren extrem gut aufgestellt. Was es an Technik gab wurde auch gebaut. Das Wirtschaftswunder läßt grüßen.
Äußerlich ist das Radio in einem top Zustand. Beim Innenleben hat jedoch schon jemand Hand angelegt. Es war nicht ganz klar ob das Chassis schon mal ausgebaut war, oder ob nur der Versuch unternommen wurde. Ausgangszustand: Netzkabel abgeschnitten, die vier Zuleitungen zu den Lautsprechern waren durchtrennt und mittels Wago Klemmen wieder verbunden. Einige Röhrensockelstifte waren verbogen. Beide großen Bedienknöpfe auf der Front waren geklebt, da dort Stücke ausgebrochen waren. Vermutlich geschehen bei dem Versuch diese zu entfernen.
Womit wir beim sehr ungewöhnlichen Aufbau des Radios wären.
Gegen jede Gewohnheit, verbleibt hier die Senderskala und die Bedientasten mit einem Teilgestänge im Gehäuse wenn das Chassis ausgebaut ist. Aber die vier Bedienknöpfe müssen vorher entfernt werden, sonst bleibt alles an der Skala hängen. Die Knöpfe werden über Klemmfederbleche auf den Achsen gehalten und nicht, wie meist üblich, über kleine Schrauben. Zum Entfernen muß durch einen kleinen, im Knopf befindlichen, Schlitz das jeweilige Federblech gedrückt werden. Meine Wahl war hierzu ein Zahnstocher (für etwas größeres ist auch kaum Platz gegeben). Um dann bei ausgebautem Chassis die Tastatur bedienen zu können, muß die gedrückte Taste händisch zurückgezogen werden während eine andere geschaltet wird. Hier fehlt dann einfach der sonst mechanische Schaltvorgang mit kompletter Schaltmechanik. Der Wiedereinbau des Chassis ist übrigens ein elendes Gefummel.
Chassis und Trafo (inkl. Gleichrichter und Becherelkos) sind auf getrennten Haltern angebracht und nur über einen Kabelstrang verbunden. Und obwohl das Spitzensuper 53 eine so riesige Kiste ist, ist es eine enge Angelegenheit beides gleichzeitig aus dem Gehäuse zu bekommen (und später wieder rein). Und das war wohl irgendwann schon mal jemandes Problem, denn es gab am Kabelübergangspunkt einige abgerissene Drähte im Bereich der EF43. Gut das es für die alte Technik noch so zuverlässig Schaltpläne zu finden sind....
Die Röhrenprüfung auf dem Funke W20 ergab eine schwache EF43. Im späteren Probelauf hatte die EF41 nach Erwärmung einen deutlichen Leistungsverlust und wurde auch getauscht. Und obwohl die EC92 noch recht gute Werte hatte, gab es hier am Schuß auch noch eine NOS Röhre. Die EF41 war wohl noch die Originalröhre (mit Presssockel). Klassisch für diese Zeit - die Röhrenbestückung ist eine Mischung aus Rimlock- und Noval Röhren. Wobei Rimlockröhren hier noch deutlich in der Überzahl sind. Außer den beiden Endröhren EL41 alle noch mit Presssockel gefertigt.
Dann gab es jede Menge an Austauschkandidaten. Siemenstypisch waren alle Kondensatoren mit dem Chassis verklebt. Und das heute noch sehr gut haltend. Erwähnenswert: Es gibt zwei Becherelkos mit je 50uF. Beim eneuern wichtig, einer davon hat nicht direkt das Chassis als Masse. Es gibt eine Isolierscheibe unter dem Becher und der Masseanschluß ist gesondert ausgeführt. Dies muß in jedem Fall so beibehalten werden! Beide 50uF Becher wurden von mir neu hefüllt mit Elkos von F&T, Spannungsfestigkeit 500 Volt, und wieder an Ihren Originalplatz gesetzt. Der minus Anschluß wurde hier aus dem, jetzt überflüssigen, Überdruckventil des alten Bechers geführt und wieder den ursprünglichen Massepunkten zugeführt. Alle übrigen Problemkondensatoren wurden ebenfalls ausgetauscht und wie immer alles gründlich gereinigt. Auf Kundenwunsch gab es auch noch ein paar neue Skalenlämpchen in LED.
Sehr ungewöhnlich und bisher bei noch keinem anderen Radio so gesehen - es gibt zwei Gleichrichter B250C85. Beide waren exakt gegenüberliegend, nur getrennt durch das Chassisblech, montiert. Sie bedienen auch keine unterschiedlichen Stromkreise, sondern sind einfach parallel geschaltet. Ich vermute der Grund für zwei Einheiten bot einfach eine gewisse Reserve gegen Überhitzung, falls ein Bauteil im Grenzbereich arbeitet. Vielleicht hatte Siemens aber auch einfach den Keller voll B250C85 (Standardgröße) anstatt Ausnahmewerte wie z.B. B250C180 auch noch auf Lager zu nehmen.
Erstaunlicherweise war die Leistung der Kombie noch ziemlich gut. "Nur" Ca.12 Volt fehlten an Gleichspannung bei 220 Volt Eingangsspannung. Die Fehlmenge wurde bei den heutigen 230 Volt komplett kompensiert. Der Haken - nach 15 min. waren beide Gleichrichter auf über 50° aufgeheizt. Zur Wärmeableitung war die "Rücken an Rücken" Montage eher nachteilig. Auch wenn das dünne Chassisblech dazwischen liegt und natürlich Wärme ableitet, die Gleichrichter wärmen sich so gegenseitig.
Es ist ein Kundengerät und hier gibt es keine zweifelhaften Experimente. Die beiden Selengleichrichter wurden gegen einen neuen Siliziumgleichrichter getauscht. Da die alten einfach parallel geschaltet waren, reicht hier ein neuer aus.
Jetzt kam noch die Frage nach dem Vorwiderstand. Bekanntermaßen liefert ein moderner Siliziumgleichrichter deutlich mehr Spannung wie seine alten Selenkollegen. Bedingt einfach durch einen deutlich niedrigeren Innenwiderstand. Und da das Radio die Möglichkeit bietet zwischen 220 Volt oder 240 Volt Eingangsspannung zu wählen, wurde beides ausprobiert um die bestmögliche Lösung zu finden. Beide Möglichkeiten mit 230 Volt Netzspannung.
Ergebnis Trafostellung 220 Volt :
Um die vorgeschriebene Betriebsspannung zu erhalten war ein Vorwiderstand von 120 Ohm nötig. Heizspannung: 6,9 Volt.
Ergebnis Trafostellung 240 Volt:
- Spannung Elko 1: soll 285 Volt / ist 290Volt
- Spannung Elko 2: soll 255 Volt / ist 250 Volt
- Anodenspannung EL41: soll 285 Volt / ist 283 Volt
- Heizspannung: soll 6,3 Volt / ist 6,15 Volt
- kein Vorwiderstand nötig !
Fazit: Bei Trafostellung 220 Volt - zusätzlicher Vorwiderstand = zusätzliche Wärmeentwicklung = Energieverschwendung, zusätzliches Bauteil.
Unnötig.
So, die Arbeit ist getan. Kommen wir zum ersten, längeren Probelauf. Und damit zu einer selbst gestellten und wirklich dämlichen Falle.
Während des Teiletauschs wird das Radio immer nur kurz angemacht um zu sehen das alles bis dahin o.k. war. Jetzt folgt der Dauertest. Immer wieder schleichen sich nach voller Erwärmung noch Fehler ein. Ergebnis hier: Das Radio empfängt recht gut und klar. Aber es müßten mehr Sender zu empfangen sein. Und auch etwas lauter. Die EC92 (welche noch gut ist auf dem RPG) getauscht, keine Änderung. Die EF43 war bereits neu. ECH81 und EF41 getauscht (auch beide gut getestet), keine Änderung. Spannungsversorgung stimmt. Mal sehen was die Ratiospannung sagt.
Bei stärkstem Sender ca. 10 Volt. Der Rest dümpelte zwischen 3,5 und 7 Volt rum. Das ist eindeutig zu wenig, da muß ich wohl einen Abgleich machen. Gesagt, getan. Ergebnis: Bei stärkstem Sender nun ca. 13 Volt Ratiospannung. Nicht nur merkwürdig, sondern immer noch viel zu wenig. Ich hatte alles eigentlich mögliche an Ursachen kontolliert und ausgeschlossen. Letzter Verdacht - vielleicht ist der neue Ratioelko nicht in Ordnung. Tausche ich den probeweise noch mal aus. Ich nehme mir den also noch mal vor und sehe....
Ich habe den neuen Elko falsch gepolt eingebaut!!
Jetzt wird der ein oder andere sagen, kann doch mal passieren. Allerdings weiß man nach 100 Radios das beim Ratioelko fast ausnahmslos + an Masse geht. Stichwort "Ratioelko Röhrenradio" bei Google eingeben und 1000 Hinweise diesbezüglich gibt es. Selbst die KI weist einen sofort darauf hin. Und deswegen sei dieser Fehler jedem Anfänger und allen anderen verziehen, aber mich möchte ich hiermit in Bezug auf den Fehler eindeutig als dämlich bezeichnen😉. Das so was möglich ist.....
Jetzt werden sich einige wissende Bastler wundern. Ratioelko verkehrt herum eingebaut und trotzdem klaren Empfang? Sollte eigentlich verzerrt sein und warum ist der Elko bei Falschpolung nicht abgeraucht?
Na, wenn ich mir schon einen Fehler selbst einbaue, dann möglichst auch mit kompletter Selbstüberlistung.... An dieser Stelle reicht eine Spannungsfestigkeit von 63 oder 100 Volt aus. Hatte ich aber nicht mehr da, also hatte ich einen Elko für 350 Volt eingebaut. Platz war genug da. Dieser hat jetzt natürlich so viel Reserve das er nicht gleich gegrillt wird bei Falschpolung. Kurzzeitig glättet er auch verpolt noch ein kleines bischen, bevor er irgendwann chemisch völlig aufgibt. Es bleibt offensichtlich auch noch genug Spannung übrig um selbst das Gitter des magischen Auges zu steuern. Denn selbst das hat noch reagiert.
Naja, inzwischen waren glücklicherweise auch die neuen Elkos da. Den verkehrt gepolten raus und einen neuen RICHTIG RUM!!! eingebaut. Erneuter Probelauf. Und siehe da, aus den mühsam erkämpften ehemals 13 Volt wurden nun 38 Volt Ratiospannung! Auch das magische Auge zeigte jetzt Vollausschlag. Es wurden Bereiche, in der noch alten Röhre, ausgeleuchtet die noch fast jungfräulich waren.
Ich bin immer bemüht auch aus schlechten Dingen positives zu ziehen. In dem Fall bin ich mir sicher:
Der Fehler passiert mir kein zweites mal😉!
Und es zeigt sich erneut, das die Probeläufe unverzichtbar sind und alles noch mal auf Herz und Nieren geprüft werden muß, bevor das Gerät dem Kunden übergeben wird.
Denn eins kam noch. In ganz unreglelmäßigen Abständen gab es ein kurzes, gut hörbares Knacken aus dem Lautsprecher. Manchmal war auch eine halbe Stunde alles gut. Ursache war eine der beiden EL41 (das Phänomen hatte ich bisher zwar selten, aber auch schon bei einer EL84 und ECL86). Röhre getauscht und alles war gut. Nachdem ich dann endlich beschlossen hatte "Fertig!", gab es auch noch eine NOS EM34 (magisches Auge).
Jetzt gab es keine Überraschungen mehr. Ein erstaunlicher Empfang für ein doch sehr frühes UKW Radio. Klanglich gewaltig. Die beiden 20 cm und 25 cm Lautsprecher plus den Elektrostaten (hier wirklich noch in top Zustand) machen richtig Dampf und klingen super. Da hat Siemens seinerzeit die Hausaufgaben gemacht. Ich bin mal wieder schwer begeistert von diesem technisch und optisch hervorragendem Radio!
Bericht Ende.




















