Sonderbericht Philips Capella BD783 A-S Stereo


Und wieder ein Sahnestück aus dem Hause Philips. 

Baujahr 1958, zwei eisen(trafo)lose Endstufen mit 4x EL86, Rauschunterdrückung, feldstärkeabhängige Bandbreitenreglung, schon NF Stereo (heißt Stereo über den Tonabnehnereingang, jedoch kein Stereo bei Radioempfang) und einer optisch sehr schön gestalteten Stereowaage / Klangselektor. 

Leider gab es hier zunächst einige deutliche Mankos. 

Aufgrund eines nicht mehr drehenden Lautstärkereglers, hatte mein Kunde das Radio schon einmal irgendwo in Reparatur gegeben. Nach 1,5 Jahren! bekam er es wieder. Der Lautstärkeregler funktionierte immer noch nicht, er saß nach wie vor bombenfest. Dafür gingen jetzt auch alle Drucktasten nicht mehr...

Das Radio hat eigentlich keine eigenen, eingebauten Lautsprecher und ist für externe vorgesehen. Dieses hier hat jedoch seitliche Lautsprecher. Diese müssen als erstes entfernt werden um das Chassis überhaupt ausbauen um können.

Das eigentliche Problem, der Lautstärkeregler, war dann auch die größte Baustelle. Er rührte sich wirklich keinen mm mehr. Wie so oft gibt es auch hier wieder die Potiachse, welche durch den Gehäusedeckel des Potis geführt wird. Die Außenführung dient gleichzeitig als Sitz für die Reglung der drehbaren Ferritantenne. 

Oxidlöser und Kriechöl brachten keinen Erfolg. Erst ein erhitzen der Potiachsführung mittels Lötkolben brachte kurzfristig etwas Bewegung ins Spiel. Jedoch weiter sehr schwergängig und nicht dauerhaft. Es reichte jedoch um festzustellen, das einer der beiden Schleifer im Poti sich nicht mehr mitdreht. Das Poti hat zwei Schleifer (Stereo) plus Mittelanzapfung für die gehörrichtige Lautstärkereglung. So etwas gibt es heute nicht mehr und passender, alter Ersatz... schwierig zu finden. Aber bevor ich ein solches Teil abschreibe, erst mal sehen ob es rettbar ist. Also ausbauen, zerlegen, Problem ermitteln.

Zunächst muß der Regler der Ferritantenne vom Deckel des Potis entfernt werden. Die Seilzüge habe ich dafür eng am Regler mit einem Kabelbinder fixiert und nach dem abziehen des Reglers alles mit einem zusätzlichen Bändel nach rechts weg stramm gehalten. Seilzüge neu aufziehen ist nämlich immer ein kleines Drama. Wenn's also nicht sein muß...

Vom Poti selbst müssen dann noch sieben Anschlußleitungen abgelötet werden. Eine teilweise enge Geschichte, nah dran an den Seilzügen des AM Antriebes. Also schön vorsichtig, einmal kurz mit dem Lötkolben an den Seilzug und man hat die nächste Baustelle (ist mir vor Jahren mal passiert, seither bin ich hier immer gaaaanz vorsichtig unterwegs). Alles gutgegangen, das Poti konnte ausgebaut werden. Ich mache mir in solchen Fällen auch immer reichlich Dokumentation in Form von Fotos und Zeichnung(en) von den Anschlüssen bevor irgendetwas entfernt wird. Bei der Gelegenheit präsentiere ich einfach mal mein Kunstwerk😉.

Einfach öffnen ist nicht ganz so....einfach. Denn es ist mit zwei Hohlnieten vernietet. Also, aufbohren. Ich habe hier nur einseitig die obere Nietwulst vorsichtig mit einem 2mm Bohrer weggebohrt. 


Dann kann der Gehäusedeckel entfernt werden. Also, normalerweise. Hier nicht, er hing auf der Achse fest. Klar war jetzt, das Problem der Schwergängigkeit liegt genau dort versteckt.  Es half wieder nur mehrfaches erhitzen um den Gehäusedeckel stückweise von der Achse zu bekomen. Als es endlich geschaft war, war auch die Ursache zu erkennen. Woher auch immer gab es im oberen viertel Bereich der Achse feine Kratzer. Und da es kaum Zwischenraum zwischen Deckel und Achse gibt, reicht das aus um nichts mehr drehen zu können. Die Achse habe ich mit 1000er Schmirgel wieder sehr gut glätten können. Nur leider war die Innenwand des Deckels, durch den die Achse läuft, auch in Mitleidenschaft gezogen. Hier zu schmirgeln ist schwierig. Diesen Bereich habe ich mit Wattestäbchen und Polierpaste (9 Micron) erfolgreich wieder glatt bekommen.

Danach ein paar Tropfen Öl und die Achse lief wieder Butterweich und ließ sich mit einem Finger drehen. 

Blieb aber immer noch der nicht drehende Schleifer. Unter einer Scheibe versteckt (welche man leider nicht nach oben abziehen kann) sitzt ein Stift welcher durch die Potiachse geht. Dieser dient als Mitnehmer für den Schleifer. Hier war jedoch die Mitnehmernut im Schleifer völlig rundgedreht, so das der Stift einfach darüber drehte. Wie so oft muss man dann kreativ werden. Zunächst wurde das ganze gründlich mit Kontakt WL gesäubert und entfettet. Der Achsstift wurde dann bis auf Anschlag an den Schleifer geschoben. Dieser verschwand nun ca. 1mm in der Achse. Um ein zurückrutschen bei, wenn auch sehr geringer, Drehbelastung zu vermeiden, habe ich ein Stück Kupferdraht mit ca. 2 mm länge und 2,5 mm Durchmesser direkt stramm hinter den Stift gesetzt. Das ganze bekam zur Sicherheit noch einen Tropfen Sekundenkleber. 


Das Problem bei sehr schwergängigen Potis ist, das man beim Drehen die Anschläge nicht mehr merkt. Und dann passiert genau das - man überdreht das ganze. Da reicht mitunter ein mal und das Pertinax ist "abgedreht". Daher kann ich nur dringend empfehlen:

Niemals mit einer Zange o.ä. versuchen ein schwergängiges Poti zu drehen! 

  • Man weiß nicht in welcher Position das Poti steht.
  • Man hat kein Gefühl für den Anschlagpunkt.

Glücklicherweise ließ sich hier das Problem beheben. Das Poti arbeitet nach der OP wieder einwandfrei.

Also wieder zusammenbauen. Hauptproblem: Die zerstörten Nieten ersetzen. Eine Möglichkeit diese ca 1,5 mm im Durchmesser und ca.16 mm langen Hohlnieten durch ebensolche zu ersetzen, habe ich nicht. Der Baumarkt meines Vertrauens hatte leider auch keine entsprechenden Schrauben samt Mutter.

Lösung: Durch die Nietreste (welche ich nicht entfernt habe) wurde ein passendes Stück Draht gezogen. Dann einmal zurück geführt und mit zwei, drei Umdrehungen stramm verdrillt. Die verdrillten Stellen wurden dann noch mit einem Tropfen Lötzinn gesichert. Hält einwand- und wackelfrei.

Doch bevor jetzt wieder alles eingebaut wird - Testlauf. Dafür habe ich das Poti nur provisorisch angeschlossen. Durch die ungeschirmten Leitungen brummt es natürlich (besonders bei Berührung), aber um die Laut/Leise Funktion zu testen, reicht das allemal. Und wie schön, es funktioniert einwandfrei.  

Übrigens: Die Schleiferbahnen waren noch einwandfrei. Es handelt sich hier um ein 1,3Mohm Poti. Die gemessenen Werte gingen von wenigen Ohm bis ca. 1,27 Mohm. Wieder funktionierend regelt es wunderbar gleichmäßig und kratzfrei. Es wäre also wirklich ein Jammer gewesen, hätte man es nicht reparieren können. 

Dann wurde wieder eingebaut, alles wieder angeschlossen und erneut getestet. Nun war auch alles brummfrei. Die Hauptbaustelle war erledigt. Vor dem ersten Probelauf wurden natürlich zumindest die gefährlichsten Kondensatoren ersetzt wie die vier 8uF Elkos und die zwei, bereits ausgelaufenen, Entstörkondensatoren.


Der Klangselektor mit drei Tasten, Stereowaage und durchaus aufwändiger Mechanik und Beleuchtung war die zweite Baustelle des Radios. Es schien noch nie ausgebaut worden zu sein. Dennoch waren die Zuleitungen für die Beleuchtung einfach abgeschnitten und hingen in der Luft. Ich spekuliere mal, das beim gescheiterten, ersten Reparaturversuch das Chassis ausgebaut wurde. Und da waren halt die Anschlußdrähte hinderlich....

Und natürlich -  mal wieder ein gerissener Seilzug.

Der Ausbau ist problemlos möglich, es wird von vier gut erreichbaren Schrauben gehalten. Was mich bezüglich des Seilzuges zunächst etwas verwirrte, war eine zweite Umlenkrolle auf der linken Seite. Egal wie man es macht, diese Rolle führt unweigerlich zu einer Gegenläufigkeit. Aber - zum Glück gibt es für dieses Radio einen Seilzugplan. Und hier wird diese Umlenkrolle eindeutig nicht verwendet.

Das gleiche Bauteil wurde wohl auch für andere (Mono)modelle verwendet. Und dort dienten dann die Umlenkrollen für die Höhen/Tiefenregelanzeige. Hier gab es dann zwei separate Seilzüge. Der Seilzug bedient übrigens zwei Blenden. Mit Drehen der Stereo-Waage werden dann entsprechend unterschiedliche Bereiche der Orchesteranzeige beleuchtet. Dies aber nur wenn die Taste "Orchester" gedrückt wird. Mit drücken der Taste "Jazz" wird nur der Saxophonist beleuchtet. Bei drücken der Taste "Sprache" erhält nur der Mann am Microphon seine Hinterleuchtung.  Einfach super gemacht! 

Wie auch immer, mit dem neu aufgezogenen Seilzug funktioniert die Mechanik wieder wie sie soll.

Die durchtrennten Kabel wurden abschließend entfernt und entsprechend erneuert. Nun hatte das Orchester auch wieder Licht.


Aber es kam noch Baustelle drei. Die Nachrüstung auf den Bluetoothadapter. Hier sollte nämlich Bluetooth und Plattenspieler betrieben werden. Es gibt rückseitig Anschlußmöglichkeiten über zwei dreipolige DIN Anschlüsse. Ein Anschluß wird genutzt bei einem mono Abspielgerät, beide gleichzeitg werden genutzt für Stereo. Recht ungewöhnlich und habe ich so noch nie gesehen. Aber - Philips halt. Des weiteren gibt es noch einen Eingang für Plattenspieler über Bananenbuchsen, ebenfalls für Stereo.

Es gibt allerdings vorne nur eine TA Taste für die Bedienung. Und dennoch kann z.B. Tonband und Plattenspieler gleichzeizig angeschlossen werden. Was hier sehr von Vorteil ist, da der Kunde Bluetooth und Plattenspieler nutzen möchte. Hier möglich ohne die zusätzliche Schalterlösung. 

Es gehört standardmäßig dazu, die Kontakte des Tastensatzes zu reinigen. Hier hatte ich anfänglich einen zusätzlichen Schaltkontakt unterhalb der TA Schaltkontakte übersehen. Dieser schaltet zwischen Mono - und Stereobetrieb. Da zunächst nicht gereinigt, hatte der rechte Kanal bei Stereobetrieb Aussetzer. Kontakte vom Oxid befreit und schon gab es wieder allerfeinstes Stereo.


Der Rest der Instandsetzung ist schnell erzählt. Reinigung, Röhrenprüfung, Austausch der üblichen Problemkondensatoren. Was mir immer sehr gut gefällt ist, wenn ein Radio eine Gleichrichterröhre hat. So wie dieses hier. Die vorhandene EZ81 war zwar schon recht schwach und wurde gegen eine sehr starke NOS Röhre gewechselt, aber das ist deutlich einfacher und schneller wie einen Selengleichrichter auszutauschen. 

Dann gab es doch noch eine Überraschung. Bisher lagen die Lautsprecher beim Probelauf daneben und alles lief "nackig" vor sich hin. Dann wurde alles eingebaut. Ergebnis: Die Boxen vibrierten und ebenso die Senderskala und das schon bei mäßiger Lautstärke. Bezüglich der Lautsprecher wunderte ich mich schon beim ausbauen. Keinerlei Dämmung und nur leicht eingeklemmt zur Befestigung. Bei der Senderskala hatte ich übersehen, das es wohl mal eine Dämmung gab. Zumindest konnte man auf den zweiten Blick noch einen Hauch der alten Klebestreifen (?) sehen. Also, alles noch mal raus. Die Skalenscheibe wurde rundherum neu gedämmt, ebenso die Lautsprecher. Diese wurden dann auch noch mit kleinen Schrauben fixiert. Das Radio war wohl in der Tat so gebaut um externe Lautsprecher zu  nutzen. Die internen bringen das ganze Radio in Vibration. Zum Schluß dann aber "schepperfrei" und sehr gut klingend. Der Steroeffekt ist mit den seitlich angebrachten Lautsprechern sogar hervorragend.


Fazit:

Die eisenlosen Endstufen haben richtig Dampf! Mal wieder so ein Radio mit dem man eine Halle beschallen kann. Allerdings erzeugen vier EL86 plus die EZ81 auch richtig Hitze. Dieses Radio sollte schon frei stehen und atmen können. Am Ende stehen hier gemessen ca. 112 Watt Leistungsaufnahne. Rekordverdächtig. Klanglich hat Philips einfach die Nase vorn, das haben bei mir jetzt mehrere, verschiedene Modelle bewiesen. Für ein Baujahr 1958 wird ein exellentes Stereo wiedergegeben, Hi-Fi ist hier schon angebracht. Die veränderlich beleuchtete Orchesteranzeige ist das i-tüpfelchen bei dem ohnehin auch optisch sehr schönen Radio. 

Und im Grunde außerhalb der Sache, aber dennoch erwähnens- und zeigenswert. Mein wirklich sehr netter Kunde reiste zur Radioübergabe dann auch noch absolut adäquat an. Aber da sagt ein Bild mehr als tausend Worte.


Als Gesamtpaket einfach ein sehr netter und sympatischer Kunde mit einem super Radio!

Bericht Ende.


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